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Marburg Weidenhäuser watschen Wehr-Planung ab
Marburg Weidenhäuser watschen Wehr-Planung ab
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11:11 26.02.2018
Das „Grüner Wehr“ soll ab 2020 erneuert, faktisch abgerissen und neu gebaut werden.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Kommt nach Lahnterrassen, DLRG-Steg und North­ampton Park der nächste Innenstadt-Problempunkt? Das befürchten viele Weidenhäuser, sofern die Pläne des Magistrats zum „Grüner Wehr“ ab 2020 Realität werden. Im Zentrum des Bauvorhabens, das nun im Ortsbeirat Weidenhausen vorgestellt wurde, steht neben Abriss und Neubau des Wehrs die Errichtung einer Fisch- und Kanutreppe samt rund 20 Meter langem und mehrere Meter breitem Aussichtspodest auf der Trojedamm-Seite der Lahn. 

Zitat

„So ein Bereich wird die Leute regelrecht zum Partymachen einladen, das werden zweite Lahnterrassen.“
Edeltraut Niehoff, Anwohnerin

„Versaut, versifft, von Scherben übersäht und laut – so wird es werden, und das in einer ohnehin schon geplagten Gegend“, sagt Martin Keßler. „So ein Bereich wird die Leute regelrecht zum Partymachen einladen, das werden ganz sicher die zweiten Lahnterrassen“, ergänzt Edeltraut Niehoff.

„Es wird viel drum herum passieren, die Erfahrungen machen wir bei uns vor der Haustüre schon länger“, sagt DLRG-Chef Dirk Bamberger auch mit Verweis auf nächtliche Feier- und Badegäste. Die Befürchtungen teilen mit Oliver Hahn, Jens Seipp und Manfred Jannasch auch mehrere CDU-Stadtverordnete, die in Weidenhausen oder Südviertel wohnen.

„Das Podest wird zum Anziehungspunkt für Feiern, es wird Lärm, Müll und all die Probleme geben, die wir aus der unmittelbaren Nähe kennen“, sagt Hahn und verweist auf den wenige Meter entfernten Northampton Park und die dort von Nachbarn beklagten Probleme. 

Die Stadtverwaltung schätzt das anders ein: „Das Podest als Aussichtspunkt tut keinem weh, der Bereich ist ohnehin schon sehr beliebt und belebt“, sagt Werner Plaßmann, Ingenieur beim Tiefbauamt. Das Podest benötige man zur Wartung, Kontrolle und Instandhaltung von Fischtreppe und Kanurutsche.

„Ein neuer Erlebnisraum wird geschaffen, da kann etwas sehr Wertiges entstehen“, sagt Bauamts-Leiter Walter Ruth und erinnert an ähnlich kontroverse Diskussionen im Vorfeld des Neubaus des Hirsefeldstegs, den „heute keiner mehr zurückhaben will, weil der neue viel besser funktioniert“. Das sieht Ortsbeiratsmitglied Martin Gronau ähnlich: „Einen Begegnungsort sollte man in Zeiten, wo zu viel vor dem Fernseher und Internet gesessen wird, nicht verteufeln.“

Grundsätzlich gehe es laut Plaßmann um den Schutz eines „ökologisch wertvollen Gebiets“, da der Bereich am Wehrfuß ein wichtiger Laichgrund für mehrere Fischarten sei. Laut Planungen werden mehrere Bäume am Lahnufer gefällt, eine Neu-Pflanzung wird es an gleicher Stelle nur vereinzelt geben. Ausgleichspflanzungen sollen anderswo entlang der Lahn entstehen. „Es ist ein relativ großer Eingriff in die Lahn, aber insgesamt ist es ein weiterer und wichtiger Schritt zur Re-Naturierung“, sagt Plaßmann. 

Optisch solle sich trotz faktischem Abriss und Neubau, Plaßmann spricht von „Erneuerung der Anlage an selber Stelle“ am Wehr nichts ändern. Nur die Fischpassage, durch die künftig auch neue Arten in Marburg heimisch werden sollen und die Kanurutsche am Trojedamm-Ufer würden neu sichtbar sein.

Kanupass und Fischtreppe – zusammen etwa sechs Meter breit – würden laut Planungsskizzen ab dem Wehrfuß mehr als 50 Meter Richtung Weidenhäuser Brücke verlaufen, der Einstieg für Kanus und Ausstieg für wandernde Fische ist nahe des bestehenden DLRG-Stegs vorgesehen.

Zitat

„Es ist ein relativ großer Eingriff in die Lahn, aber insgesamt ein weiterer und wichtiger Schritt zur Re-Naturierung“
Werner Plaßmann, Bauamt

Eine entsprechende Planungsskizze sorgte für Aufregung unter den rund 50 Zuhörern. Denn die Kanurutsche, der Ausbau des Tourismuszweiges wird von Anwohnern ebenfalls massiv­ ­kritisiert. „Wegen Niedrigwasser im Hochsommer sinnlos“, „Beeinträchtigung eines beliebten Treff- und Badeorts für Familien“, „eine Sache, die kaum jemand nutzen wird“ – es ist nur ein Auszug der Anwohnerkritik.

Und tatsächlich könnte es nach dem Wehrumbau laut Verwaltung speziell für Kinder künftig gefährlicher werden, was seit Jahrzehnten zum Sommer-Stadtbild gehört: Unterhalb des Wehrs zu plantschen, auf den Mini-Inseln zu picknicken.

„Eine stärkere Strömung wird es geben, was wohl zu Einschränkungen des Badespaßes führt“, sagt Plaßmann. Der Grund, wieso überhaupt ein Kanupass gebaut werden soll, wollte etwa Franz Becker wissen. „Für fünf, sechs Kanuten in der Woche die gewachsene Natur durch viel Beton wegmachen, das darf nicht sein“, sagt er.

Erklärung der Stadtverwaltung: Wenn man am Wehr wegen des kritischen Zustands ohnehin aufwendige­ Bauarbeiten mit schwerem ­Gerät angehe, dort einen rechtlich verpflichtend zu errichtenden Fischaufstieg baue, könne man eine Kanurutsche „als Extrabonus, positiven Nebeneffekt mitnehmen“, wie Bürgermeister Wieland Stötzel (CDU) sagt. Eine Bedarfsermittlung für ­Kanutourismus habe es bisher aber nicht gegeben.

Überraschend: Laut Bauamt sind der von Gutachtern seit den 1960er-Jahren bemängelte bauliche Zustand, die Standsicherheit des Wehrs „nicht der Hauptgrund“ für das Projekt, sondern die „Herstellung der Durchgängigkeit der Lahn“ für Fische und andere Wasserlebewesen.

Also Fische vor Menschen, Touristen vor Anwohnern, wie befürchtet wird? Stötzel signalisiert Bereitschaft, die Baupläne zu ändern: „Die Fischtreppe ist ein Muss, der Kanupass nicht.“ Eine Verlagerung der Zusatzbauten auf die Südviertelseite des Wehrs, wie von einigen Ortsbeirats-Gästen angeregt, lehnt die Stadtverwaltung indes ab: Zum einen mache der Standort Fischen die Weiterwanderung sehr schwierig, zum anderen seien Wartung, Kontrolle und Instandhaltung wegen der schlechten Erreichbarkeit der Anlage nicht möglich.

von Björn Wisker