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Marburg Kommt der „Zeitsalat“ zurück?
Marburg Kommt der „Zeitsalat“ zurück?
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00:19 04.11.2018
Das Ziffernblatt der weltgrößten Kuckucksuhr in Triberg in Baden-Württemberg ist in einem Haus eingebaut. Quelle: Patrick Seeger
Marburg

Die EU-Kommission hat vorgeschlagen, die Zeitumstellung abzuschaffen. Dann würden nicht mehr alle Mitgliedstaaten einheitlich die Zeit vor- und zurückstellen. Dafür haben sich bei einer Online-Befragung 84 Prozent der Teilnehmer aus den EU-Ländern ausgesprochen. Ob es dazu kommt, ist noch nicht sicher: Das Parlament und der Europäische Rat müssen dem Vorschlag noch zustimmen. Wenn sie das tun, werden wir in Deutschland ab Sonntag vermutlich zum letzten Mal eine Winterzeit erleben. Denn die Bundesregierung hat sich für eine ewige Sommerzeit ausgesprochen.

Wenn der Vorschlag der EU-Kommission umgesetzt wird, kann jedes Land selbst seine Zeitregelung entscheiden. Die Slowakei beispielsweise ist für eine dauerhafte Winterzeit. So könnte es künftig zu einem ­Flickenteppich kommen. Euro­päische Nachbarn könnten in ­unterschiedlichen Zeitzonen ­
leben. „Zeitsalat“ hat das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ ein solches Chaos im Jahr 1977 mal genannt. Damals gab es in der EU Länder ohne und mit Sommerzeit, die auch noch 
zu unterschiedlichen Terminen begannen und endeten. Erst seit 22 Jahren ist diese Regelung einheitlich.

Verminderte Produktivität könnte Folge sein

Aus schlafmedizinischer Sicht wäre die Abschaffung der Zeitumstellung ein Fortschritt, so Werner Cassel vom Schlafmedizini­schen Zentrum in Marburg. Zwar mache sich die Zeitumstellung nicht an massiven gesundheitlichen Problemen bemerkbar, einige Konsequenzen habe­ 
sie jedoch: „Sie ist immer ein Stress für die innere Uhr“, so Cassel. Besonders ausgeprägten Frühaufstehern und Nachteulen falle es schwer, später oder ­
früher aufzustehen. Die Woche nach dem Wechsel zur Sommerzeit sei immer die müdeste. Dann gebe es mehr Verkehrsunfälle und mehr Patienten mit Herzkreislaufproblemen.

Von einer dauerhaften Sommerzeit jedoch rät der Schlafmediziner ab. Im Winter wäre laut Cassel die Folge, dass es uns bei der längeren Dunkelheit am Morgen schwerer fallen würde,­ wach und leistungsbereit zu werden. Der späteste Sonnenaufgang im Winter wäre dann erst um halb zehn. Schüler und viele Angestellte säßen so anderthalb Stunden im Unterricht oder am Arbeitsplatz, während ihre innere Uhr noch auf Schlaf programmiert ist. Eine verminderte Produktivität könnte die Folge sein. Laut Cassel gibt es Vermutungen, dass das auch der Grund war, warum in Russland die dauerhafte Sommerzeit nach kurzer Zeit wieder abgeschafft wurde.

Sportmediziner begrüßt Dauersommerzeit

Stattdessen spricht sich Cassel für eine dauerhafte Winterzeit aus. Unter Schlafforschern nenne man sie die Normalzeit, weil sie am ehesten der Sonnenzeit entspreche. Nach dieser zu ­leben ist laut Cassel am gesündesten. Das bedeutet, wenn die Sonne im Zenit steht, wird die Uhr auf 12 gestellt. Dann wären aber schon in Ost- und Westdeutschland unterschiedliche Zeitzonen. Bis 1860 war das laut Cassel auch so.

Wer im Sommer lange aufbleibe, weil es noch hell ist, lege sich unter Umständen zu spät schlafen. Denn der Botenstoff Melatonin werde dann unter Umständen zu spät ausgeschüttet. „Man geht spät ins Bett und hat morgens Schwierigkeiten, wieder aufzustehen.“ So könnte eine ohnehin schon unter der Woche chronisch leicht übermüdete Gesellschaft noch müder werden. Andererseits: Von sportmedizinischer Seite werde die dauerhafte Sommerzeit begrüßt: „Wenn es nach Feierabend noch hell ist, bewegen sich die Leute mehr, gehen joggen oder Radfahren.“

Statt Zeitumstellung Arbeitszeiten anpassen

Als Alternative zur Zeitumstellung hat ein Münchner Chronobiologe den Vorschlag gemacht, stattdessen die Arbeitszeiten an die Jahreszeiten anzupassen. In den meisten Branchen sei es nicht notwendig, zu festen Zeiten zu arbeiten, so Till Roenneberg.

Auch auf Europa könnte die Abschaffung der Zeitumstellung weitreichende Auswirkungen haben. Auf EU-Ebene wird derzeit in Arbeitsgruppen geprüft, welche das sein könnten. Im Fokus stehen beispielsweise der EU-Binnenmarkt, der Warenhandel und der Verkehr. Die Deutsche Bahn findet verschiedene Zeitzonen in Deutschland und seinen Nachbarstaaten unproblematisch.

Anders sieht es im Luftverkehr aus: Die deutsche Luftverkehrswirtschaft fordert eine einheitliche Regelung für ganz Europa. „Der drohende Flickenteppich von einzelnen nationalstaatlichen Regelungen würde die Flugplanung der Fluggesellschaften und Flughäfen erheblich durcheinanderbringen“, erklärte der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft.

Nacht auf Sonntag dauert eine Stunde länger

Außerdem könnte es passieren, dass etwa bei einer Abschaffung der Winterzeit Flüge­ am späten Abend im Winter zu spät starten und damit in Nachtflugverbote hineinreichen. „Es besteht das akute Risiko, dass gegenwärtig angebotene Flugverbindungen so nicht mehr darstellbar sind“, heißt es vom Verband.

Historiker Johannes Graf vom Deutschen Uhrenmuseum in Furtwangen im Schwarzwald sagt: „Eingeführt worden ist die EU-einheitliche Zeitumstellung damals zur grenzüberschreitenden Harmonisierung der Zeit- und Lebensverhältnisse im zusammenwachsenden Europa.“ Dies gelte bis heute.

  • In der Nacht von Samstag auf Sonntag werden die Uhren um 
3 Uhr eine Stunde zurückgestellt, auf 2 Uhr. Die Nacht zum Wahlsonntag dauert also eine Stunde länger.

von Freya Altmüller
 und unserer Agentur