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Marburg Vom Meckertroll zur Qigong-Oase
Marburg Vom Meckertroll zur Qigong-Oase
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00:17 06.11.2018
Liedermacherinnen-Idyll über den Dächern Weidenhausens: Beate Lambert auf der Terrasse ihrer Marburger Wohnung. Foto: Carsten Beckmann Quelle: Carsten Beckmann
Marburg

Der 28. Mai 2015 ist der Tag, der das Leben der Marburger Kinderliedermacherin Beate Lambert völlig auf den Kopf stellt. Soundcheck auf der Bühne einer Schule im Raum Marburg. Beate Lambert baut ihr Equipment auf, der Hausmeister hat bereits die Gesangsanlage eingeschaltet, gleich kommen die Jungen und Mädchen, um mit der Musikerin zu singen.

Ein paar Kinder sind schon da, und während Beate Lambert auf der Bühne direkt neben den Boxen steht, machen sich die Schüler am Mischpult zu schaffen – alle Regler hoch, es gibt eine schrille, akustische Rückkopplung, die Liedermacherin erleidet ein Knalltrauma, an ein Konzert ist an diesem Tag nicht mehr zu denken.

Weniger Musikerin, mehr Therapeutin

„Es war, als hätte mir jemand eine Keule über den Kopf gehauen“, erinnert sich Beate Lambert an jenen Tag, an dem sie von einem Moment auf den nächsten 50 Prozent ihres Hörvermögens verliert. „Ich habe mich dann sieben Monate noch weiter­gequält – ich lebe ja zum großen Teil von meinen Gagen.“ Doch spätestens nach zehn Minuten auf der Bühne weiß die Musikerin: „Es geht nicht, ich kann nicht mehr.“

Eine lange Reha-Phase schließt sich an, Monate, in denen Beate Lambert merkt, dass die alte chinesische Meditations- und Bewegungstechnik Qigong in Verbindung mit Gesang Menschen mit akuten und chronischen Ohrenleiden wie Tinnitus helfen kann. Selbst ausgebildete Qigong-Lehrerin, vertieft die Marburger Künstlerin – nicht ganz uneigennützig – ihr Interesse an dieser Therapieform.

„In der Reha sah ich Leute, die mit ihrer Dezibel-App auf dem Smartphone rumliefen und ständig sagten: Dies ist zu laut und das ist zu leise“, erinnert sich Lambert an die Zeit, in der in ihr der Entschluss reift, sich stärker mit Heil- und Therapiemethoden zu befassen und weniger als Musikerin zu arbeiten. „Das alte Pfarrhaus in Kirchlotheim ist mir quasi vor die Füße gefallen“, erzählt die Künstlerin über ihr Projekt, das den Namen „Mi Camino“ trägt.

Man kann dort auch nur Urlaub machen

„Mein Weg“ heißt das auf Deutsch, und in dem Seminarhaus, das Beate Lambert mittlerweile im Dorf am Rand des Nationalparks Kellerwald betreibt, steckt sehr viel von ihrem eigenen Weg. Freunde hätten bereits dort gewohnt, Lamberts Tochter betreibt in Kirchlotheim einen Hof für Reiterfreizeiten – ideale Voraussetzungen für einen Neustart. Ganzjährig bietet Beate Lambert in dem Ort in unmittelbarer Nähe zum Edersee Kurse an, in denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer neben Qigong und Gesang lernen können, wie man trommelt, einer Ukulele Akkorde entlockt, malt oder Geschichten vorliest.

„Neben Musikern sind Erzieherinnen die größte Risikogruppe für Hörschäden oder Burnout-Erkrankungen“, weiß die Betreiberin des „Mi Camino“ aus ihrer eigenen Erfahrung als Musikpädagogin. Kita-Personal als wichtigste Zielgruppe für das Seminarhaus? Ja, sagt, Beate Lambert, schränkt aber ein: „Bei mir kann man auch einfach nur Urlaub machen, außerdem arbeite ich mit den Kindern, die bei meiner Tochter reiten, koche für sie, singe mit ihnen – also, es ist ein ganz gemischtes Publikum.“ Aus der Idee, sich selbst „einen gesunden Arbeitsplatz“ zu verschaffen, ist inzwischen eine Bildungseinrichtung geworden, die ihren Gästen anbietet, „bei sich selbst anzukommen“, wie die Seminarhaus-Betreiberin es ausdrückt.

Die Szene hat sich verändert

Hat die Komponistin von Liedern wie „Der Meckertroll“ oder „Lisa kann schon viele Sachen“ ihre erste Karriere damit hinter sich gelassen? Nicht ganz, noch immer steht sie ab und zu auf der Bühne, und neue Texte und Lieder gibt es auch immer wieder: „Manchmal kommt meine Kreativität nachts um eins dahergebrettert und wenn ich dann nicht schreibe, kann ich nicht mehr schlafen.“

Die Szene der Kinderliedermacher hat sich verändert, sagt Beate Lambert: „Die Zeit der Superstars ist vorbei, aber es gibt Tausende.“ Was fehlt, sei ein gemeinsames Repertoire, das dann auch Eltern oder Erzieherinnen mit Kindern singen könnten. „In jeder Stadt gibt es einen Kinderliedermacher und jeder schreibt sein eigenes Piratenlied“, bedauert die zwischen Marburg-Weidenhausen und Kirchlotheim pendelnde Künstlerin. Väter und Mütter, bedauert sie, gingen lieber mit ihren Kindern in Konzerte, anstatt selbst mit ihnen zu singen.

Übrigens: Wer mit Beate Lambert singen will, hat schon am Dienstag, 6. November, die nächste Gelegenheit dazu: Ab 16 Uhr gibt es im Landratsamt Marburg-Biedenkopf (Im Lichtenholz) ein Mitmachkonzert, das im Zusammenhang mit der Wanderausstellung „Sprich mit mir“ steht.

von Carsten Beckmann

Beate Lambert am Eingang des Seminarhauses „Mi Camino“ in Kirchlotheim am Edersee. Privatfoto