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„Die Leute kommen immer sauber raus“

Marburger Abend „Die Leute kommen immer sauber raus“

Am Sonntag findet im KFZ zum 277. Mal der ­„Marburger Abend“ statt – freie Bühne bei freiem Eintritt. Was 1977 begann, ist zu einem Stück ­Marburger Kulturgut ­geworden.

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Paul Preisendörfer (oben, von links) und Bernd Waldeck moderieren die Marburger Abende.

Quelle: Archivfoto

Marburg. „Wir sind die älteste ,open stage‘ Deutschlands und wahrscheinlich sogar der Welt“, sagt Bernd Waldeck, einer der beiden Moderatoren. Und inzwischen auch (wieder) die größte. Soll ihnen doch erst einmal jemand beweisen, dass es nicht so ist. In einem schlichten Büchlein sind Daten und Teilnehmer notiert, bis zurück zur ersten Seite: 10. Juli­ 1977. Damals ging die erste­ ­offene Bühne über die Bühne, ­organisiert vom Folkclub und zunächst in der Evangelischen Studenten-Gemeinde.

„Seitdem­ haben durchgängig mehrere ,Marburger Abende‘ pro Jahr stattgefunden“, erklärt der zweite Organisator Axel Herbst – manchmal nur vier, manchmal zehn oder zwölf. Herbst und Waldeck übernahmen gemeinsam mit Benjamin Rösner und Rudi Böhm vom KFZ im Jahr 2013 die Organisation, nachdem das Format nur noch wenig Anklang fand. Seitdem geht es wieder steil bergauf. Die letzten Abende lockten jeweils rund 400 Besucher ins KFZ: Schüler­ wie Rentner, Fans aus früheren Zeiten und junge Leute, die 1977 noch nicht einmal auf der Welt waren. Paul Preisendörfer, der Sohn von Axel Herbst, ist inzwischen der zweite Moderator.

Am Anfang wurden die Namen derer, die sich auf die Bühne wagten, einfach auf eine Tafel geschrieben und man konnte sich auch spontan noch entscheiden, aufzutreten. Und so ein Abend ging locker mal bis nach Mitternacht. Heute wird anders geplant. Ziel ist es, eine möglichst große Vielfalt zu präsentieren. Deshalb sind auch die Auftritte auf maximal zehn Minuten begrenzt. Etwa zwölf Auftritte pro Abend sind vorgesehen. Für mehr hätten die Zuschauer heute kein Sitzfleisch mehr. Und vier Start-Plätze würden stets für Leute freigehalten, die von weiter her anreisen, erläutert Bernd Waldeck.

„Nicht einmal wurde jemand runtergebuht“

Andererseits hat sich das ­Umfeld professionalisiert. Jeder­ Auftritt wird von Axel Herbst gefilmt und ins Internet gestellt. Über 400 Videos sind inzwischen entstanden und es gibt einen eigenen Youtube-Kanal. Dass man neben der Möglichkeit, überhaupt aufzutreten, auch noch einen professionellen Mitschnitt seines Auftritts an die Hand bekommt, ist insbesondere für Newcomer ­eine zusätzliche Motivation, in Marburg aufzutreten. Und dass aus Newcomern, die ihre ersten Schritte auf einer Bühne und vor Publikum wagen, einmal ­etwas Großes werden kann, beweist zum Beispiel Comedy-Star Maddin Schneider, der seine ersten Gehversuche beim „Marburger Abend“ startete, als ihn noch kein Mensch kannte.

Comedy und Musik, Lesung und Akrobatik, Menschen, die tanzen, beatboxen, singen, Geschichten erzählen – alles ist dabei. „Alles bis auf Tierdressur“, schränken die Veranstalter ein. Eine Besonderheit des „Marburger Abends“ sei die Freundlichkeit des Publikums. „Die Leute kommen immer sauber raus“, betont Bernd Waldeck. Vom ­Publikum werde immer der Mut honoriert, dass sich jemand auf eine Bühne traut. „Nicht einmal wurde jemand runtergebuht.“ Nachwuchs soll explizit gefördert werden. „Das ist Kulturförderung an der Basis“, sagt Rudi Böhm.

Wie gefragt ein Auftritt beim „Marburger Abend“ sein kann, bewies jüngst ein Musiker, der anderen Musikern sogar Gage bezahlte, dass sie mit ihm zusammen in Marburg spielen. „Euch eilt ein Ruf voraus“, bekamen die Organisatoren von Teilnehmern aus dem Schwarzwald zu hören.

Als das KFZ von der Schulstraße ins Erwin-Piscator-Haus umzog, hatten die Organisatoren anfangs Angst, dass sie das mit dem Format nicht schaffen, gesteht Bernd Waldeck. Aber inzwischen stößt der „Marburger Abend“ selbst im großen Saal schon an seine Kapazitätsgrenzen.

Das sei ein Erfolg des ganzen Teams, das hinter den Veranstaltungen steht, sind sich ­alle einig. „Da sind 14 bis 15 Leute beteiligt, bis so ein Abend steht“, erklärt Axel Herbst. Sie bekämen tollen Support von den Technikern des KF. Die hätten für die spontane Idee eines öffentlichkeitswirksamen Open Airs im Tiefhof sogar eine komplette Bühne konstruiert und eine Anlage gebastelt. Ehrenamtlich. Verstärkung für das Team wird für die Zukunft gesucht – insbesondere jemand, der ­Internet-affin ist und sich mit Social Media auskennt, wäre für den Ausbau der Präsenz in diesem Bereich gefragt.

„Toll wäre es, wenn wir einen Sponsor fänden“

Unterstützung könnte es aber auch in ganz anderer Form geben. „Toll wäre es zum Beispiel, wenn wir einen Sponsor fänden, der die GEMA-Gebühren übernimmt, die wir ja zahlen müssen“, sagt Bernd Waldeck. Beim freien Eintritt soll es auch in Zukunft bleiben und man will auch keinen Hut herumgehen lassen oder Ähnliches. Aber das Format koste eben Geld. Und das Team arbeite komplett ehrenamtlich und ohne Förderung.

Highlights der letzten Jahre? „Da hätten wir zum Beispiel eine Lesung, die in Texas stattfand und per Skype übertragen wurde. Außerdem gibt es mit Guiness eine feste Größe, die seit sage und schreibe 33 Jahren und inzwischen zum 99. Mal mit dabei ist“, erzählt Waldeck.

Das erklärte Ziel für die Verantwortlichen ist es nach eigenem Bekunden, einen Abend zu gestalten, „zu dem die Menschen mit Neugier kommen und sich überraschen lassen“. Das Niveau stimmt, der Zuspruch des Publikums auch wieder – auf die nächsten 40 Jahre also.

n Wer Interesse daran hat, im Team mitzuarbeiten oder beim „Marburger Abend“ aufzutreten, kann sich über die gleichnamige facebook-Seite mit den Organisatoren in Verbindung setzen.
Wer sich das Ganze erst einmal live und in Farbe ansehen möchte, der hat dazu am Sonntag, 21. Januar, wieder die Gelegenheit: ab 20 Uhr im KFZ. Freie Bühne, freier Eintritt. Zum 277. Mal.

von Nadja Schwarzwäller

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