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Marburg Marburg verliert Büchner-Forschung
Marburg Marburg verliert Büchner-Forschung
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07:01 22.04.2018
Burghard Dedner ist Leiter der Marburger „Forschungsstelle Georg Büchner“. Quelle: Rolf K. Wegst
Marburg

Die Büchner-Forschungsstelle wird spätestens in vier Jahren von der Universität Marburg nach Frankfurt umziehen. Das erläuterte Professor Burghard Dedner (75), Gründer und Leiter der Forschungsstelle­ auf Anfrage der OP. In Frankfurt soll die Forschungsstelle dann von Professor Roland Borgards betreut werden, der Anfang dieses Monats von der Universität Würzburg an die Universität Frankfurt gewechselt ist. Borgards ist unter anderem der Herausgeber eines Büchner-Handbuchs. Er will sich in Zukunft besonders um eine­ kulturhistorische und -wissenschaftliche Einordnung der Werke Büchners kümmern.

Es ist ein Stabwechsel unter Büchner-Forschern, der schon von langer Hand vorbereitet worden ist. Schon im Jahr 2014 hatte es den damals dann wieder als acta gelegten Plan gegeben, die Büchner-Forschungsstelle nach Würzburg zu verlagern, wo Borgards damals noch eine Professur hatte (die OP berichtete). „Ich bin seit einigen Jahren im Ruhestand. Es war klar, dass für mich ein Nachfolger gefunden werden muss“, sagte Dedner der OP. Er habe nach Gesprächen mit Kollegen am Fachbereich Germanistik der Uni Marburg keine Chance dafür gesehen, dass die Institution an der Universität Marburg bleiben könne. Dass jetzt der Standort Frankfurt gefunden worden sei, stelle eine gute Lösung dar, sagte Dedner. „Büchner bleibt in Hessen“, meint der Marburger Germanistik-Professor.

„Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“

Georg Büchner (1813 bis 1837) war ein zeitlebens größtenteils in Hessen ansässiger Dichter. Der mit 23 Jahren jung gestorbene Büchner schuf mit seinen Werken wie „Dantons Tod“ „Leonce und Lena“ oder „Woyzcek“ trotz eines schmalen Oeuvres Klassiker des Dramas, die größtenteils bis heute auf deutschen Theaterbühnen aufgeführt werden.

„Friede den Hütten! Krieg den Palästen“: So lautete ein einprägsames Zitat des Dichters, Arztes und revolutionären Naturwissenschaftlers aus seinem „Hessischen Landboten“. Seit 1923 wird der Georg-Büchner-Preis vergeben, der als einer der wichtigsten Literaturpreise Deutschlands gilt.

Seit dem Jahr 2000 wurden von den Marburger Forschern die Bände der „Historisch-kritischen Ausgabe: Georg Büchner, Sämtliche Werke und Schriften im Auftrag der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, erarbeitet. Dazu zählten eine Quellendokumentation und ein Kommentar.

Eine halbe Million Euro für Digitalisierung

Die Printfassung der 18-bändigen Ausgabe fand 2013 ihren Abschluss. Im Rahmen der Forschungstätigkeit zu Georg Büchner haben die Mitarbeiter der Forschungsstelle in Marburg eine einzigartige Sammlung an Dokumenten und eine­ umfangreiche Bibliothek zu Georg Büchner und der Literatur des Vormärz‘ zusammengetragen. Der Vormärz wird ­eine Epoche in der deutschen ­Geschichte genannt, die die Jahre vor der Märzrevolution von 1848/1849 beschreibt.

Dass der avisierte Umzug nach Frankfurt  jetzt auch offiziell verkündet werden kann, hat auch mit einer für die noch in Marburg ansässige Forschungsstelle positiven Nachricht zu tun. Mit einer Summe von rund einer halben Million Euro wird nach Angaben Dedners nach einer Zwischenpause von rund fünf Jahren das Großprojekt der Digitalisierung und Online-Publikation der Marburger Büchner-Ausgabe sowie der Erstellung eines Büchner-Onlineportals wieder aufgenommen.

Die Finanzierung stamme zum größten Teil von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und zu einem kleineren Anteil vom hessischen Wissenschaftsministe­rium. Voraussichtlich ab Anfang Mai werde das Projekt zunächst auf eine Laufzeit von drei Jahren gefördert – mit der Möglichkeit einer Verlängerung um ein Jahr.
Nach Angaben von Professor Borgards können damit zweieinhalb Mitarbeiterstellen finanziert werden. „Es freut mich besonders für die Mitarbeiter“, sagte Professor Dedner. Denn diese seien teilweise zwischenzeitlich arbeitslos gewesen.

Der Hauptteil der Arbeit an dem Projekt der „Büchner“-Digitalisierung solle in Marburg geschehen, kündigte Dedner an. In die Digitalisierung sollten auch aktuelle Ergebnisse­ der Büchner-Forschung aufgenommen werden. „Ich danke­ der Marburger Universität in diesem Zusammenhang, dass sie die Forschungsstelle erhalten hat“, sagte der Marburger Büchner-Forscher. Die Materialien befinden sich in Räumen der geisteswissenschaftlichen Türme in der Wilhelm-Röpke-Straße.

von Manfred Hitzeroth