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Marburg Grundstücks-Deal wohl teuer erkauft
Marburg Grundstücks-Deal wohl teuer erkauft
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00:19 11.11.2018
Das Grundstück an der Sporthalle im Stadtwald geht an „Die Kommunikatöre“ – für die Mehrkosten, die das Unternehmen hat, fließen angeblich rund 190  000 Euro.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg


Haben gestern bei Sacher Lasertechnik und den „Kommunikatören“ die Sektkorken geknallt, nachdem der Magistrat den beiden Unternehmen qua Überstimmung des SEG-Aufsichtsrats zu Gewerbeflächen im Stadtwald verholfen hat? „Nein, geknallt ­haben die Korken noch nicht, aber wir sind kurz davor“, sagt Dr. Joachim Sacher auf OP-Anfrage.

So richtig freuen wolle er sich noch nicht, denn noch gebe es keinen notariellen Vertrag. „Aber ansonsten sind wir natürlich zufrieden, denn wir haben ja mit diesem Grundstück bereits ­geplant.“ Die vergangenen Wochen seien „emotional sehr intensiv“ gewesen – Sacher hätte sich gewünscht, „dass der Vergabeprozess transparenter abgelaufen“ wäre.

Sollte es nun wirklich bei dieser Entscheidung bleiben, „dann ist das für uns natürlich genial“, sagt Sacher – nicht zuletzt, weil sich die Mitarbeiter auch in der Nähe des Unternehmens angesiedelt hätten.

Tobias Hummel, einer der beiden Geschäftsführer der „Kommunikatöre“, hat die Sektkorken auch noch nicht knallen lassen, „denn dafür war der Prozess zu schwierig“, sagt er. Aber er freue sich, „dass die Vernunft letztendlich gesiegt hat und es nun eine faire Entscheidung für alle drei Unternehmen gibt“, so Hummel. Die nun gefundene Lösung „war für uns von Anfang an in Ordnung und für uns vorstellbar – auch wenn damit für uns einhergeht, dass wir eine riesige Zeitverzögerung haben“.

Das Bauvorhaben werde für die „Kommunikatöre“ nun wesentlich teurer: Nicht nur, weil das neue Grundstück im teuren Mischgebiet und nicht mehr im günstigen Gewerbegebiet liegt. „Wir müssen auch komplett umplanen, denn unsere ursprüngliche Planung passt nicht auf das jetzige Grundstück“, sagt Hummel.

SEG und Sälzer sollen Planungskosten zahlen

Zudem müsse der Neubau nun drei- statt vierstöckig ausfallen, was weitere Kosten verursache. Die Gründung sei schwieriger, es müssten Parkplätze und Kanalrohre verlegt werden, „auch die komplette Wegführung muss eine andere sein“, zählt Tobias Hummel auf.

Diese Kosten werden jedoch teils kompensiert: Wie die OP aus internen Kreisen erfuhr, beteiligt sich die SEG mit 130 000 Euro an den Kosten, von der Firma Sälzer kommen weitere 60 000 Euro hinzu. Das findet Hummel nur gerecht, denn: „Hätten wir unser ursprüngliches Grundstück bekommen, dann wären für niemanden ­zusätzliche Kosten angefallen.“

Vielmehr ist für den Geschäftsführer klar: „Das ist quasi eine­ Wirtschaftsförderung, die da fließt – letztendlich, um Sälzer eine zusätzliche Fläche zu ermöglichen, und nicht, um uns etwas Gutes zu tun.“

Und was sagt die Firma Sälzer zu dem Grundstücks-Deal? „Wir könnten eigentlich auch fragen ,ist das Wort der Stadt nichts wert‘“, sagt Geschäftsführer Walther Sälzer. Denn immerhin habe er nach der nun vom Magistrat gekippten Aufsichtsrats-Entscheidung ein Schreiben am 25. Oktober bekommen, in dem ihm der Verkauf sämtlicher Flächen zugesichert worden sei.

„Daher sind wir über diese nicht nachvollziehbare Entscheidungsänderung der Stadt sehr überrascht.“ Man wolle „in Ruhe die juristischen und strategischen Auswirkungen“ auf das Unternehmen prüfen. „Wir wollen nach wie vor Arbeitsplätze im Handwerk in Marburg schaffen – werden uns aber nicht an weiteren Spekulationen oder falschen Anschuldigungen beteiligen“, stellt Walther Sälzer klar. Vielmehr suche man nun zunächst das Gespräch mit allen Beteiligten.

Simon & Widdig wollen
 doch Co-Investor bleiben

„Alle Interessenten im Stadtwald unter einen Hut zu bekommen, ist wichtig und richtig“, sagt Matthias Simon, Chef des Landschaftsökologie-Büros Simon & Widdig. Von dem angedachten Rückzug seines 20 Mitarbeiter zählenden Unternehmens aus dem Bauprojekt, falls seine Beteiligung wegen der Tätigkeit als SPD-Fraktionschef ein Hinderungsgrund für die Expansion des Projektpartners „Die Kommunikatöre“ sei, nimmt er nun Abstand.

„Es geht ja jetzt um ein ganz neues Grundstück, nicht mehr um das einst reservierte Gebiet. Ich sehe keinen logischen Grund, nun nicht wie geplant mitmachen zu dürfen“, sagt er.

Die Ausstiegsoption, eine Abwanderung nach Niederweimar habe vor allem als Rettungsanker für die anderen Sälzer-Flächenkonkurrenten, speziell für den Projektpartner dienen sollen – für das Ökologiebüro selbst sei ein Bau außerhalb des Stadtwald-Standorts „die letzte Möglichkeit aber auch letzte Wahl für die eigene Expansion gewesen“.

Mit dem das nun an Kommunikatöre und Simon & Widding ­
gehende Ausweichgrundstück neben der Stadtwald-Sporthalle­ sind nach OP-Informationen aber Bebauungs-Schwierigkeiten verbunden.

Im Gegensatz zu den Wiesen am Rand des Gewerbegebiets reicht es auf der Fläche in der Mitte des Areals nicht aus, für den Hausbau eine Bodenplatte zu legen. Vielmehr müssen vorher Pflastersteine weggerissen, Pflanzen gerodet und eine Stützmauer errichtet werden. Auch müssten wohl angrenzende Parkplätze für die Sporthallennutzer verfügbar bleiben.

Brisant: Aufgrund der Überstimmung des SEG-Aufsichtsrats durch den Magistrat entgehen der Kommune nach OP-Informationen Hunderttausende Euro.

Denn während ein wie vom Aufsichtsrat beschlossener Komplett-Verkauf der Grundstücke an die Firma Sälzer mehr als eine Million Euro eingebracht hätte, sollen es bei der nun beschlossenen Alternative rund 300 000 Euro weniger sein, die aus der Veräußerung öffentlichen Eigentums zurück in die öffentliche Kasse fließen.

Verringert wird der maximale finanzielle Gewinn für das städtische Tochterunternehmen nach OP-Informationen auch dadurch, dass die SEG mindestens Teile der Kosten für die Standortverlagerung der Kommunikatöre und Simon & Widdig von den reservierten Wiesenflächen auf den betonierten Bereich ­neben der Stadtwald-Sporthalle übernimmt – nämlich 130 000 Euro.

Und: Derzeit werden die Fernwärmeleitungen, die vorher quer über die Grundstücke liefen, neu verlegt – die Kosten für die SEG betragen laut internen Dokumenten, die der OP vorliegen, rund 90 000 Euro. Auch dieses Geld hätte die Stadt nicht in die Hand nehmen müssen – denn laut OP-Informationen hatte das Angebot der Firma Sälzer beinhaltet, die Kosten für die Verlegung der Fernwärmeleitung zu übernehmen.

von Björn Wisker
 und Andreas Schmidt