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Marburg Widersprüchliche Aussagen beschäftigen Gericht
Marburg Widersprüchliche Aussagen beschäftigen Gericht
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00:17 23.12.2018
In einem Prozess im Marburger Amtsgericht wegen Fahrens ohne Führerschein und Körperverletzung durch einen Unfall, gab es widersprüchliche Aussagen der Zeugen. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Ein zunächst als eindeutig zu urteilender Rechtsfall wurde vor dem Marburger Amtsgericht nach mehr als vier Stunden Verhandlung schließlich vertagt, um den Unfallhergang nochmal zu klären. Vor Gericht muss man gegen­ Strafandrohung die Wahrheit sagen, darf nichts hinzufügen und auch nichts weglassen, werden die Zeugen zuerst vor jeder Aussage vom Richter belehrt. Im Fall eines 36-jährigen Mannes, angeklagt wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis und fahrlässiger Körperverletzung nach einem Unfall, muss eine der beiden am Unfall beteiligten Konfliktparteien lügen.

Der Unfall hatte sich im Juli­ 2017 vor Oberwalgern ereignet, als ein Kleinbusfahrer die Kreisstraße 48 von Holzhausen her kommend an der Kreuzung zur Landstraße 3048 wohl das Stoppschild überfuhr und eine Pkw-Fahrerin trotz Vollbremsung ihm seitlich ins Auto krachte.

Während das Fahren ohne Fahrerlaubnis vom Gericht als offensichtlich angenommen wurde, da der Angeklagte noch nie einen Führerschein hatte­ und deswegen bereits zuvor schon einmal verurteilt wurde, gab es zum Unfallhergang doch deutliche Differenzen.

Angeklagter gab die Schuld zunächst zu

Die Pkw-Fahrerin berichtete,­ dass der Angeklagte an die Kreuzung herangefahren sei und ohne anzuhalten das dortige Stoppschild überfahren habe. Sie habe ihn wohl gesehen, aber nicht damit gerechnet, dass er noch die Straße überqueren würde. Eine Vollbremsung, was durch Fotos mit Bremsspuren zu belegen war, habe den Unfall nicht verhindern können. Von dem Unfall habe sie ein Schleudertrauma sowie Schmerzen in der Hüfte davongetragen.

Sie berichtete weiterhin, dass sie nach dem Unfall ausgestiegen sei, aber eigentlich keine­ Polizei rufen wollte, da die Schuldfrage klar gewesen sei. Der Angeklagte habe sich bei ihr entschuldigt und seine Schuld eingestanden. Erst als sie eher zufällig erfahren habe, dass er ohne Fahrerlaubnis gefahren sei, habe sie die Polizei gerufen.

Während der Angeklagte zum Unfall keine Angaben machen wollte, sagten gleich drei weitere Insassen, die mit ihm im Unfallauto, einem VW-Kleinbus mit neun Plätzen, gesessenen haben, aus. Sie berichteten, dass der Angeklagte sehr wohl am Stoppschild angehalten habe, man kein herankommendes Auto gesehen habe, er die Kreuzung überquerte und nach ­einem hörbaren Quietschen unmittelbar der Zusammenstoß erfolgte.

Gegensätzliche Aussagen bei der Schuldfrage

Unstimmigkeiten bestanden weiterhin darüber, ob die Fahrzeuge nach der Tat noch bewegt wurden, um den Verkehr nicht zu behindern. Die Geschädigte­ sagte aus, man habe die Fahrzeuge bewegt. Die drei übrigen Zeugen meinten, dass das alte Cabrio der Geschädigten nicht mehr bewegt wurde.

Auch bei der Schuldfrage gab es völlig gegensätzliche Aussagen. Alle drei Zeugen berichteten, dass sie gehört hätten, wie die Geschädigte, selbst ­eine Polizistin, die Schuld auf sich genommen hätte. Die kurzfristig von Strafrichterin Bamberger einbestellten­ Polizisten, die den Unfall schließlich aufgenommen ­haben, stützten die Version der Geschädigten mit dem Schuldeingeständnis des Angeklagten. Sie fanden aber keine der Zeugen am Unfallort vor, weil sich diese bereits hatten abholen lassen.

Fotos vom Unfallort sollen weitere Fragen klären

Verteidiger Rüdiger Rausch beantragte ein Unfallgutachten durch einen Sachverständigen. Diesen Antrag versuchte die Richterin wegen der hohen Kosten und einer Neuansetzung des Falls jedoch zu umgehen und beauftragte die Polizei damit, verschiedene Fotos vom Unfallort anfertigen zu lassen, um so die Sichtverhältnisse an der Kreuzung zu klären.

  • Der Prozess wird am Freitag, 21. Dezember, fortgesetzt.

von Heinz-Dieter Henkel