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Marburg Schusswaffen-Reklame ist „fatales Signal“
Marburg Schusswaffen-Reklame ist „fatales Signal“
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00:16 25.12.2018
Im Stadtmagazin „Express“ ist in der Adventszeit Werbung für Pistolen gemacht worden. Die Schreckschusswaffen sind zwar nur zum Abfeuern von Pyrotechnik gedacht, stellen aber laut Kritikern eine „Überschreitung der Anstandsgrenze“ dar. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Walther PK, Colt Detective Special, Smith & Wesson Combat: In einem mehrseitigen Werbeprospekt des „Express“ werden Dutzende Pistolen zum Kauf angeboten. Diese können zwar nur Pyrotechnik verschießen, von ihrer Machart her ­sehen die Schreckschusswaffen aber täuschend echt aus.

Das Bündnis „Nein zum Krieg“ äußerst in einem offenen Brief „großes Erschrecken“ über die Reklame. Es werde darin nicht für eine „vergleichsweise harmlose Ballerei mit Petarden oder Leuchtraketen“ in der Silvesternacht, sondern „nahezu ausschließlich für Handfeuerwaffen“ geworben.

Mit der Verbreitung dieser Veröffentlichung trage der „Express“ einen „wesentlichen Beitrag zu einer weiteren Brutalisierung und Militarisierung unserer Gesellschaft, in der Konflikte nicht friedlich geregelt, sondern gewaltsam ausgetragen werden“. Während gerade eine Debatte über die Strafbarkeit des Mitführens von Messern, selbst Teppichmessern geführt werde, werde im „Express“ nun die Botschaft „Kauft Handfeuerwaffen“ propagiert. Schreckschusswaffen seien nicht gänzlich harmlos, jeder „halbwegs Versierte“ sei in der Lage, aus einer solchen gesicherten eine scharfe Waffe zu machen.

Auslöser für Waffenschein-Boom: Kölner Silvesternacht

Grundsätzlich werde „auch die Hemmschwelle zum Gebrauch von Waffen insgesamt gesenkt“. Nach OP-Informationen sind etwa 20.000 Lang- und Kurzwaffen in den entsprechenden Datenbanken des Landkreises registriert. Mit dem „fatalen Signal“, einem „besonderen ­Zynismus“ sei eine „Anstandsgrenze weit überschritten“ worden – zumal in der Adventszeit, heißt es von dem Bündnis. Erst vor einer Woche hat eine betrunkene Frau auf dem Lübecker Weihnachtsmarkt ­eine Schreckschusswaffe abgefeuert und einen Polizeieinsatz ­ausgelöst.

In den vergangenen vier Jahren ist die Zahl der Inhaber ­Kleiner Waffenscheine, mit ­denen Schreckschuss-, Reizstoff- oder Signalwaffen geführt werden dürfen, im Landkreis Marburg-Biedenkopf um 130 Prozent gestiegen, von 1.009 im Jahr 2014 auf aktuell 2.325. Ein Auslöser für den Waffenschein-Boom war der Jahreswechsel 2015 auf 2016 – der berüchtigten Kölner Silvesternacht.

Schreckschusswaffen

Bei Schreckschusswaffen handelt es sich um täuschend echt aussehende Nachbildungen von Pistolen. Statt Projektilen, also Pistolenkugeln werden aber verschiedene Arten von Reizgas- und Kartuschenmunition – oder Pyrotechnik – abgefeuert. Der Gaslauf hat Sperren, so dass Projektile nicht abgefeuert werden können.

Alleine in den unmittelbaren Folgewochen wurden in der Universitätsstadt, in der rund ein Viertel aller Waffenschein-Inhaber lebt, so viele ­Anträge genehmigt (16) wie im gesamten Kalenderjahr 2014. Landkreisweit schoss die Zahl in dem Jahr um 750 in die Höhe.

Der „Marbuch Verlag“, der den „Express“ herausgibt, reagiert auf OP-Anfrage: „Die an uns ­herangetragene Kritik zur Werbebeilage hat uns sehr nachdenklich gemacht“, sagt Katharina Deppe, Verlagsleiterin. Die kritischen Anmerkungen zur Werbung für Schreckschusswaffen nehme man zum Anlass, „die kritisierte Werbebeilage zukünftig in dieser Form abzulehnen“.

Bußgeld von bis zu 10.000 Euro möglich

Und so ist die Regelung bei Kleinen Waffenscheinen: Auch Besitzer dieses Ausweises dürfen die Waffen nicht bei öffentlichen Veranstaltungen, etwa Volksfeste, Sportveranstaltungen, Messen, Ausstellungen, Märkte, Demonstrationen oder Umzügen tragen. Sie dürfen laut Waffengesetz ausschließlich auf Schießstätten, in der Wohnung oder auf befriedetem Besitz ­benutzt werden. Das bedeutet, dass das  Grundstück beispielsweise eingezäunt oder mit Hecken begrenzt ist.

Zudem darf nur mit zugelassener Munition geschossen werden. Es muss außerdem sichergestellt sein, dass gerade pyrotechnische Munition nicht das Grundstück verlassen kann. In der Nähe von Krankenhäusern, Kinder- und Altenheimen, Kirchen oder Fachwerkhäusern darf mit der Munition nicht ­geschossen werden.

Die Polizei warnt bei Schreckschusswaffen zudem grundsätzlich vor einer „Scheinsicherheit“. In Fällen von Notwehr oder Nothilfe dürfe die Waffe aber laut Marburgs Polizeisprecher Martin Ahlich theoretisch abgefeuert werden. Ob das Handeln letztlich gerechtfertigt war, darüber entscheide letztlich ein Gericht.

Wer diese Regeln missachtet und trotzdem schießt, riskiert bei der Ordnungswidrigkeit nach dem Waffengesetz eine Geldbuße von bis zu 10.000 Euro. Wer an anderen Tagen als Silvester die Waffe abfeuert, kann Probleme wegen Lärmbelästigung bekommen. 

von Freya Altmüller
und Björn Wisker