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Marburg Richter geht über das beantragte Strafmaß hinaus
Marburg Richter geht über das beantragte Strafmaß hinaus
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00:16 11.12.2018
Im Jahr 2017 gab es in Sterzhausen einen tödlichen Autounfall. Der Angeklagte wurde jetzt verurteilt. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Erst am vierten Verhandlungstag, nach erneuter Einvernahme von zwei Sachverständigen, wurde am Marburger Amtsgericht ein 22-Jähriger zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Der Angeklagte soll im Dezember 2017 in Höhe des Friedhofs Sterzhausen einen schweren Unfall verursacht haben (die OP berichtete).

Der Angeklagte wird als Lenker des Unfallfahrzeugs bestätigt

Bis zum Schluss bezweifelte Rechtsanwalt Matthias Feltz, dass sein Mandant am Steuer des verunfallten Transporters gesessen habe. Doch sowohl KFZ-Sachverständiger Wolfgang Busse, wie auch der Gießener Facharzt für Rechtsmedizin Professor Dr. Manfred Riße, bestätigten, dass der Angeklagte der Lenker des Unfallfahrzeugs gewesen sein musste.

Busse zeichnete die unkontrollierten Drehungen des außer Kontrolle geratenen Transporters exakt nach und stellte dar, welche Kräfte auf den Fahrer eingewirkt haben müssen. Er listete zudem die Beschädigungen im Fahrgastraum auf, die durch den Unfall entstanden waren.

Dadurch konnte der Rechtsmediziner die verschiedenen, schweren Verletzungen (Riss-Quetschwunde am Hinterkopf, Schädelfraktur vorne rechts sowie eine Hirnblutung links) den jeweiligen Aufprallmomenten exakt zuordnen.

Aussage der Ersthelfer verstärkte den Verdacht

Aber nicht nur wegen der Sachverständigen sah es der Staatsanwalt als erwiesen an, dass der Angeklagte das Unfallfahrzeug gelenkt haben muss. Er wies auch auf die Aussagen der beiden Ersthelfer hin, die den Angeklagten, der sich an den Unfallhergang nicht erinnern kann, auf dem Rücken liegend mit den Füßen in den Pedalen festgeklemmt und schwerverletzt aufgefunden hatten.

In seinem Plädoyer wies der Staatsanwalt auch auf den beim Angeklagten im Blut ermittelten Alkoholwert von 0,55 Promille sowie Spuren von Amphetamin und Kokain hin, die vermutlich Auslöser des Unfalls gewesen sein müssen. Bereits zuvor sei der Angeklagte beim Fahren ohne Führerschein, wenn auch nur als Jugendlicher, zweimal erwischt und verurteilt worden. Da sei es auch nicht zu entschuldigen, dass sein Beifahrer, der glücklicherweise ohne schwere Verletzungen davongekommen sei, ebenfalls keine Fahrerlaubnis besaß.

Rechtanwalt Feltz plädiert für seinen Mandanten auf Freispruch

Schließlich forderte der Staatsanwalt für Straßenverkehrsgefährdung, fahrlässige Körperverletzung sowie Fahren ohne Führerschein eine Geldstrafe von 120 Tagessätzen à 25 Euro sowie ein weiteres Jahr ohne Möglichkeit, die Fahrerlaubnis erneut zu beantragen.

Der noch immer von der Unschuld seines Mandanten überzeugte Rechtsanwalt Feltz plädierte, da es ja keine unmittelbaren Unfallzeugen gebe, für Freispruch. Nach längerer Beratungszeit ging Strafrichter Jonathan Kreis mit sechs Monaten auf Bewährung noch über die Forderung des Staatsanwalts hinaus. Neben der üblichen zweijährigen Bewährungszeit muss der Angeklagte weiterhin 80 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten und darf erst nach Ablauf eines Jahres einen neuen Führerschein beantragen.

von Heinz-Dieter Henkel