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Marburg Bauhaus-Stil: Ein Muss für jeden Designfan
Marburg Bauhaus-Stil: Ein Muss für jeden Designfan
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00:19 27.01.2019
Gerhard Oschmann rekonstruiert Breuer-Möbel. Foto:Katja Peters Quelle: Katja Peters
Marburg

Gerhard Oschmann ist Architekt aus Leidenschaft. Mit 18 Jahren bestand er als jüngster Bewerber den Eignungstest an der Hochschule für Architektur und Bauwesen in Weimar. Zwei Wochen später war er immatrikuliert. Das war 1962. „Was ich mir ausgedacht habe, habe ich auch immer selbst gebaut“, sagt der heute 75-Jährige, der seiner Leidenschaft nach wie vor nachgeht. Und das mit viel Akribie. Denn die ist in seinem aktuellen Projekt mehr als notwendig. Er baut zwar nicht selbst und auch nicht das, was er sich ausgedacht hat, aber es ist was ganz Großes für die Architekturwelt.

Drei Möbel sind es, die er neu entstehen lässt: eine Wohnzimmerschrank-Kombination mit Vitrine, einen Toilettentisch der Dame und einen Drehstuhl zum Toilettentisch aus dem Haus am Horn in Weimar. Alle Möbel waren Exponate anlässlich der „Großen Bauhausausstellung 1923“ und wurden von Marcel­ Breuer sowohl entworfen als auch gebaut. Ja, der Marcel Breuer – die Ikone des Bauhaus-Architekturstils, der 1919 in Weimar von Walter Gropius gegründeten Kunstschule.

Das Bauhaus gilt bis heute als Heimstätte der Klassischen Moderne auf allen Gebieten der freien und angewandten Kunst und Architektur. In diesem Jahr feiert die Bauhaus-Architektur ihr 100-jähriges Gründungsjubiläum mit großen Ausstellungen in ganz Deutschland. Vor allem natürlich in Berlin, Dessau und Weimar. Genau dort, in Weimar, sollen auch die Nachbauten von Gerhard Oschmann ausgestellt werden. Im Haus am Horn, ein Versuchshaus von Bauhaus aus dem Jahr 1923.

Gesellenstücke werden nachgebaut

Die noch existierenden Fundstücke von Möbelteilen befinden sich in Dessau und gehörten Adolf Sommerfeld, ein Bauhaus-Fan und Industrieller, der den Bau vom „Haus am Horn“ damals finanzierte und dafür diese Möbel von Breuer bekam. Der hatte mittlerweile von Begründer Walter Gropius Prokura erhalten, moderne Möbel für Bauhaus zu entwickeln.

Mit dem Toilettentisch und -stuhl werden nun die Gesellenstücke des Tischlerlehrlings Breuer nachgebaut. „Es ist ganz raffiniert, was er zustande gebracht hat“, stellte Gerhard Oschmann im Laufe seiner Recherche fest. Akribisch schrieb er Aussehen, Maße, Besonderheiten nieder, fand heraus, dass die Furniere des Wohnzimmerschrankes ungarische Esche von 1923 sind. „Solches Holz findet man natürlich heute nicht mehr, deswegen müssen wir etwas finden, was genauso aussieht“, erklärt der Marburger ­Architekt.

Mit „wir“ meint er Ralf Fach von der Tischlerei Fus & Sohn aus Großseelheim. Er, nebst Kollegen, werden die Recherchearbeiten von Gerhard Oschmann in den nächsten Monaten detailgetreu umsetzen. „Die erste Anfrage habe ich damals erst einmal ganz unbedarft aufgenommen“, erinnert sich Ralf Fach. Als Möbeltischler hat er täglich Anfragen nach Schränken und Tischen. Doch nach dem ersten persönlichen Gespräch wird ihm klar, was Gerhard Oschmann da eigentlich mit ihm vorhat. „Aber dass es so berühmte Möbel sind, diesen Weitblick hatte ich da immer noch nicht“, gibt er zu.

Ralf Fach freut sich auf die Umsetzung

Ralf Fach verschaffte sich einen Überblick, gab ein Angebot ab und bekam den Auftrag. „Das ist schon wirklich etwas sehr Spezielles. Aber es ist toll!“, sagt der Geschäftsführer. Sein Kollege hat sich in Dessau zusammen mit Gerhard Oschmann schon die Originale angesehen und deren „Atmosphäre gespürt“. Ebenso liegen die ersten Furniere zum Verbauen parat. Ralf Fach freut sich auf die Umsetzung: „Wir sind Möbelbauer durch und durch. Trotzdem ist es natürlich etwas ­Besonderes. Es ist auch ein anderes Arbeiten, als sonst. Es gibt viele Treffen und Absprachen. Die Zusammenarbeit mit Herrn Oschmann ist sehr eng.“

Der Architekt beaufsichtigt die Arbeiten natürlich mit Argusaugen. Nicht, weil er dem Team aus Großseelheim die Arbeit nicht zutraut oder Zweifel hat. Nein, er will Mehrarbeit vermeiden und muss ja auch regelmäßig den Fortschritt zur Klassikstiftung nach Weimar melden.

Die Möbel sollen genauso aussehen, wie die von Marcel Breuer. Da darf kein Schnitt extra gesetzt werden, die Maße müssen exakt stimmen, die Farben und Maserungen sich nur um Nuancen unterscheiden. Die Drehspindel für den Toilettenstuhl beispielsweise hat er mal auf Ebay ersteigert. Der Verkäufer hatte zwei Stück von einem Klavierhocker aus den 20er-Jahren zum Verkauf angeboten. „Da habe ich natürlich sofort zugeschlagen“, erzählt er.

Im Mai sollen die Rekonstruktionen fertig sein

Gerhard Oschmann hat jede­ Menge Erfahrung in der Recherche und Rekonstruktion der Bauhaus-Möbelarchitektur. Er war es auch, der Ende der 1990er-Jahre das weltberühmte­ Gropius-Zimmer als Gesamtkunstwerk rekonstruiert hatte.­ Das Arbeitszimmer des Bauhaus-Gründers ist heute noch großer Anziehungspunkt und der Marburger konnte bei seinen damaligen Recherchen „viel verbreitete Unwahrheiten über diesen Raum klarstellen.“

Anhand von historischen Fotos, Telefonaten mit der Nichte der Weberin, die den Wandteppich damals angefertigt hatte, und weitere sehr zeitintensive Recherchen rekonstruierte­ er detailgetreu den Sessel, den Schreibtisch und den Stuhl auf dem Walter Gropius gesessen haben soll. Denn: „Man wusste­ nicht genau, wo er wirklich gesessen hat“, sagt Gerhard Oschmann, der auch herausfand, dass es sich bei dem bis dato vertriebenen Gropius-Sessel, gegenüber den noch existierenden historischen Dokumentationen, eigentlich um ­eine ­lupenreine Fälschung handelt. Aber das ist eine andere Geschichte.

All diese Details hat er in ­einem Buch zusammengefasst, das er zu Hause aus seinem zimmerlangen Bücherregal herausholt. „Das Gropius-Zimmer“ heißt es und „es gibt keinen einzigen Punkt, wo Oschmann irrt“, sagt der Architekt.
Im Mai müssen die drei ­Rekonstruktionen der Möbel von Marcel Breuer fertig sein. Dann wird die Ausstellung in Weimar eröffnet und Millionen Besucher aus der ganzen Welt werden die ­Möbel aus Großseelheim bestaunen.

Wie die Möbelstücke in Großseelheim entstehen, lesen Sie in einer der nächsten OP-Ausgaben.

von Katja Peters