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Marburg "Noch stirbt Bargeld nicht aus"
Marburg "Noch stirbt Bargeld nicht aus"
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00:17 29.01.2019
Bargeld in der Registrierkasse eines Ladens – ein Auslaufmodell? Kontaktlose Bezahlsysteme sind auch auf dem deutschen Markt ­angekommen, die Bares, aber auch die Kartenzahlung immer mehr ersetzen könnten. Quelle: Peter Kneffel
Marburg

Zahlung per Karte,­ per Handy-App oder Smartwatch bis zur digitalen Kollekte in der Kirche, der Zahlungstrend geht eindeutig in Richtung digitale Geldbörse. Dabei zahlen viele Kunden zumindest bei Centbeträgen noch mit Münze oder Schein, etwa an der Bäcker-Theke. Doch auch Geschäfte, bei denen vornehmlich kleine Beträge über den ­Ladentisch wandern, setzen zunehmend auf „Plastikgeld“.

Etwa die Vollkornbäckerei ­Siebenkorn, wo die Möglichkeit zur Kartenzahlung vor etwa eineinhalb Jahren eingeführt wurde: „Das wurde von den Kunden schon gewünscht, aber bei Kleinstbeträgen – meist unter fünf Euro – wird weiter bar bezahlt, die Transaktionen kosten ja auch Geld“, erklärt Jochen Lehnert, Buchhalter bei Siebenkorn.

Nur etwa zehn bis 20 Prozent des Umsatzes läuft dabei über die Kartenzahlung. „In anderen­ Ländern ist das bargeldlose­ Bezahlen schon weiter fortgeschritten – Deutschland ist da noch mehr Bargeld-verliebt“, schätzt Lehnert.

Den veränderten Zahlungstrend spüren auch andere Branchen, etwa Poststellen: Dort reicht das Bargeld manchmal schon nicht mehr für die 70-Cent-Briefmarke: „Manche Kunden wollen auch einzelne Briefmarken per Karte bezahlen – das greift immer mehr um sich“, sagt Unternehmer Reinhard Heinzer, der im Landkreis zwei Poststellen betreibt. An die Bezahlung per Plastikkarte hätten sich die Kunden eben gewöhnt, so mancher habe gar kein Bares mehr dabei.

Kartenzahlung fest etabliert

Aber stirbt das Bargeld nun endgültig aus? Andreas Bartsch, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Marburg-Biedenkopf, meint: „Nein, Bargeld ist noch nicht am Aussterben, es wird immer noch viel bar bezahlt.“ Allerdings werde sich der Trend weiterhin in Richtung kontaktloses Zahlen entwickeln, was schon jetzt zu spüren sei.

„Das hat auch etwas mit dem Alter zu tun – vor allem bei Jüngeren hat sich das drastisch reduziert und wird über die Jahre noch weiter abnehmen“, sagt Bartsch. Schon jetzt liefen die Geschäfte auf dem Markt zu dreiviertel bargeldlos ab. Die Kartenzahlung ist längst fest etabliert und selbst vielleicht schon wieder ein Auslaufmodell.

Denn die Bezahlung via Smartphone ist als Nächstes auf dem Vormarsch, vorne mit dabei sind die weltweit führenden Smartphone-Bezahldienste Google Pay und Apple Pay, beide mittlerweile auch auf dem deutschen Markt angekommen.

Kontaktlose Bezahlung könnte sich ausweiten

Dabei nutzt bislang nur eine Minderheit das Handy oder eine Smartwatch zum Bezahlen. Das könnte sich bald ändern. Die kontaktlose Bezahlung via Android oder iPhone könnte sich künftig ausweiten. Zumindest teilweise – denn noch sind längst nicht alle Geschäfte und Banken auf den Zug mit aufgesprungen oder setzen stellenweise auf eigene Apps, die bargeldloses Bezahlen bis zur Foto-Überweisung ermöglichen.

Die Sparkasse bietet etwa die hauseigene App „Mobiles Bezahlen“ an. Partner von Apple Pay ist die Bank dabei noch nicht – derzeit laufen Verhandlungen mit dem US-Konzern, über die Bartsch nichts sagen kann. Nur so viel: „Es wird in Ruhe gesprochen und auch mit Apple wird es ­eine Lösung geben“, ist er sich ­sicher.

Kritiker der Bezahl-Apps warnen dagegen vor der umfassenden Datensammlung großer Konzerne und dem zunehmend gläsernen Nutzer. Apple und Google verweisen dagegen auf Daten-Standards. Bei beiden Systemen werden nicht die ­eigentlichen Kreditkartendaten gespeichert und an den Händler übertragen, sondern nur ­eine „Token“ genannte virtuelle Kreditkartennummer.

Unterschiede im Ausmaß der Datenerfassung 

Damit können die Daten auch nicht ausgespäht und für Betrugsversuche missbraucht werden. Und beim Bargeld sieht die Bank höchstens, wo Geldscheine abgehoben wurden. Beim Bezahlen mit dem Smartphone wird die Anonymität immerhin gegenüber dem Händler gewahrt.

Er erfährt nur, dass der Betrag freigegeben wurde und ist nicht in der Lage, die Daten für eine Profilbildung auszuwerten. Voll im Bild ist dagegen die Kreditkartengesellschaft oder die jeweilige Bank.

Apple betont, keine Details zu speichern: „Wenn du mit einer Bankkarte bezahlst, speichert Apple Pay keine Daten zu deiner Transaktion, die auf dich zurückzuführen sind“, heißt es im Supportdokument. Google weist seine Kunden darauf hin, dass bei jeder Transaktion über Google Pay etliche Daten erfasst werden können.

von Ina Tannert und Christoph Dernbach