Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Leben im Schatten der Mauer
Marburg Leben im Schatten der Mauer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 30.01.2019
Marburger und palästinensische Jugendliche stehen vor der riesigen Mauer, die Israel und das Westjordanland trennt. Die unüberwindbare Barriere prägt das Leben der Menschen auf beiden Seiten. Quelle: Privatfoto
Marburg

Dschenin ist eine Stadt im Westjordanland. Rund 45.000 Menschen leben dort, knapp 40 Kilometer von der Mittelmeerküste entfernt. Ans Meer kommen sie nie. Das Palästinensergebiet ist abgeriegelt, eine riesige Mauer zieht sich quer durch das Land.

In Dschenin haben die Marburger Schauspielerin Victoria Schmidt, Ensemblemitglied des Hessischen Landestheaters, und ihr Kollege Alexander Peiler, der das Landestheater inzwischen verlassen hat, im Sommer 2016 ein spannendes Filmprojekt verwirklicht.

Mit vier deutschen und sechs palästinensischen ­Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren haben sie dort die ­Dokumentation „Yalla Baby“ gedreht. Sie ist der Versuch, zwei einander weitgehend fremde Kulturen zusammenzubringen (die OP berichtete ausführlich).

Ursprüngliche Idee: ­Palästinensisches Märchen

Premiere hatte der Film vor knapp einem Jahr in Ost-Jerusalem. Anschließend war der 44-minütige Film in Ramallah und Bethlehem zu sehen, später auf dem renommierten Fünf-Seen-Filmfestival in Starnberg und auf dem Rios-Film-Festival in Portugal.

Am Sonntag ist „Yalla Baby“ im Cineplex zum ersten Mal in Marburg zu sehen. Für Gespräche stehen die Regisseurin Victoria Schmidt und Cora Röschlein bereit. Cora Röschlein ist eine der vier deutschen Jugendlichen, die gemeinsam mit Hannah Benecke und Lino Haupt aus Marburg sowie Fabia Becker aus Wuppertal zu dem Abenteuer ins Westjordanland aufgebrochen ist.

Ursprünglich wollten die Theatermacher Schmidt und Peiler mit den Jugendlichen ein ­palästinensisches Märchen einstudieren. „Unser Ziel war es, einen Film über das Theaterstück zu drehen. Herausgekommen ist eine Doku über das Scheitern“, sagte die 32-Jährige im vergangenen Jahr der OP.

Geschichte über Träume und Hoffnungen

Aus der ­Doku über ein Theaterstück wurde „Yalla Baby“, eine Geschichte über Träume und Hoffnungen junger Menschen aus zwei Welten mit verschiedenen Hintergründen und Perspektiven.

Prägend für das Leben im Westjordanland ist die Mauer, die Israel auf einer Länge von 760 Kilometern rund um das Palästinensergebiet errichtet hat. Sie ist die riesige Manifestation der jahrzehntelangen, oft kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und den Palästinensern.

Das Bollwerk schränkt die Bewegungsfreiheit der Menschen massiv ein. „Ich will nur einmal ans Meer“, sagt eine junge Palästinenserin im Film. „Es ist unmöglich“, sagt sie neben der Mauer stehend. „Ich will in Freiheit und Frieden leben, ohne Druck und Kontrolle“, sagt ein anders Mädchen.

Größtenteils positive Reaktionen

Sprachprobleme bei den Dreharbeiten meisterten die Jugendliche auf ihre Art – mit Händen und Füßen, mit Englisch und vor allem mit Emojis, Fotos oder Videos auf ihren Smartphones.

„Die Reaktionen in Palästina auf den Film waren größtenteils positiv“, sagt Victoria Schmidt. Vor allem ältere Palästinenser hätten die positiven Aspekte des Austausches als Chance gesehen, für Frieden zu werben.

Einige jüngere Palästinenser hätten kritisiert, dass der Konflikt zwischen Israel und Palästina­ nicht deutlich genug werde. „Das war aber auch nicht Ziel des Films“, sagt Schmidt.

  • „Yalla Baby“ hat am Sonntag um 11.45 Uhr im Cineplex seine Marburg-Premiere. Eine weitere Vorstellung ist am 5. Februar um 19.30 Uhr im Capitol-Center. Beide Vorstellungen sind mit Nachgesprächen. Der Eintritt kostet 5 Euro.

von Uwe Badouin