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Marburg Angeklagter Opfer eines Komplotts?
Marburg Angeklagter Opfer eines Komplotts?
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00:17 23.12.2018
Im Landgericht Marburg wurde ein Angeklagter zu einer Geldstrafe verurteilt. Währende dem Prozess wurde von einem "Komplott" gegen den Angeklagten gesprochen. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Gernot Christ, Vorsitzender der 1. Strafkammer des Marburger Landgerichts, und Staatsanwalt Sebastian Brieden stießen gegen eine Wand. Hochgezogen von der 28-jährigen Ehefrau des Angeklagten, die von ihrem Zeugnisweigerungsrecht Gebrauch machte. Selbst als der sichtlich verärgerte Vertreter der Anklage die Frau auf die Konsequenzen ihres Handelns hinwies, schwieg sie eisern.

Reinen Tisch machte hingegen eine ehemalige Freundin und Komplizin der Frau, die sich und die 28-Jährige belastete. Die 55-jährige Rollstuhlfahrerin berichtete von den Eheproblemen des 35-jährigen Angeklagten und dessen Ehefrau, die bis vor zwei Jahren einmal pro Woche in ihrem Haus putzte. „Sie hat sich mir anvertraut und von Vergewaltigungen und Bedrohungen berichtet“, meinte die Rollstuhlfahrerin.

55-Jährige sollte bei Intrige mitspielen

Zwischenzeitlich trennte sich die Frau von ihrem Gatten, mit dem sie eine Tochter hat. Während dieser Beziehungspause soll der Angeklagte laut der 28-Jährigen im April 2016 versucht haben, sie auf der B 3 mit seinem Pkw von der Straße abzudrängen, sodass sie mit ihrem Wagen einen Unfall baut. Von diesem Vorfall berichtete sie der 55-Jährigen am 2. Mai desselben Jahres und bat sie, bei ihrer Intrige mitzuspielen. Die Rollstuhlfahrerin sollte sich bei der Polizei als Augenzeugin für den Vorfall melden.

Ob sich überhaupt etwas ereignet hatte, blieb unklar. Fakt war aber, dass die 55-Jährige rein gar nichts davon gesehen hatte. „Sie tat mir so leid. Deshalb habe ich es gemacht“, bereute die Zeugin. „Sie kam zu mir, hat mich darum gebeten, und ich habe mir Notizen gemacht, um der Polizei das Richtige zu sagen.“

Doch die 55-Jährige schmückte die „Räuberpistole“ noch ein wenig aus. Richter Christ hakte nach: „Warum haben Sie bei der Polizei gesagt, dass Sie in Ihrem Pkw ebenfalls Angst wegen dem Angeklagten hatten und er auch Sie drangsaliert hat“? Die Zeugin druckste herum. „Damit die Geschichte glaubwürdiger ist“, meinte sie.

Zeuginnen haben Strafverfolgung zu erwarten

Verteidiger Stefan Adler sprach von einem „Komplott“ gegen seinen Mandanten. Das Kartenhaus brach in sich zusammen, als die beiden Eheleute wieder zueinanderfanden und die 28-Jährige ihre Aussage zurückziehen wollte. „Ich war darüber völlig geschockt“, versicherte die 55-Jährige, die vom Anwalt der Strippenzieherin ein Schreiben erhielt, in dem sie aufgefordert wurde, ihre polizeiliche Aussage ebenfalls zurückzuziehen. Pech für das Duo, dass dies nicht möglich war.

Laut Brieden sehen sich die beiden Zeuginnen nun der Strafverfolgung wegen falscher uneidlicher Aussage ausgesetzt. Neben Urkundenfälschung war dem Angeklagten aufgrund der ausgeheckten Lüge auch Gefährdung des Straßenverkehrs zur Last gelegt und ihm aufgrund des erstinstanzlichen Urteils die Fahrerlaubnis entzogen worden. Dieser Anklagepunkt wurde eingestellt. Eine Geldstrafe erhielt er trotzdem.

Denn während der Beziehungspause fälschte er bei der Beantragung eines Reisepasses für seine Tochter die Unterschrift seiner Ehefrau. Das räumte er ein. Die Kammer verurteilte ihn zu 50 Tagessätzen à 35 Euro. Erstinstanzlich waren es im Urteil des Marburger Amtsgerichts 30 Tagessätze gewesen.

von Benjamin Kaiser