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Marburg Mann bietet Frau Freiheit gegen Sex
Marburg Mann bietet Frau Freiheit gegen Sex
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16:36 20.03.2018
Gegen seine Bewährungsstrafe wegen sexueller Nötigung zog ein Verurteilter vor das Landgericht. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Das Amtsgericht hatte den heute 32-Jährigen vor knapp einem Jahr wegen sexueller Nötigung in Tateinheit zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten verurteilt, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Dagegen zog der Mann vor das Landgericht, das seiner Auslegung der Rechtslage eine klare Absage erteilte.

Die erste Instanz hatte folgenden Sachverhalt festgestellt: Mitte Dezember 2014 hatte der Angeklagte eine junge Frau über eine mobile Dating-App kennengelernt, lud die Studentin für ein erstes Treffen in seine Wohnung nach Marburg ein.

Während einer anfangs noch zwanglosen Unterhaltung kam die Frau wohl zu dem Schluss, dass beide nicht zusammenpassten, und wollte die Wohnung wieder verlassen. Das versuchte der Angeklagte zu verhindern, wurde dabei zunehmend rabiat in seinem Drängen, sie möge bei ihm bleiben. Er verstellte ihr den Weg, verschloss die Wohnzimmertür, redete auf sie ein, „setz dich hin“, soll er mehrfach verlangt und sie weiter bedrängt haben.

Zweimal fasste er ihr laut Anklage in den Schritt, forderte sie zum Sex auf. Dann bot er ihr Geld an, schließlich die Freiheit im Austausch gegen sexuelle Befriedigung. Mehrfach und eindeutig soll die zunehmend panische Frau abgelehnt und darauf bestanden haben, dass sie gehen wolle. Nach mehreren Anläufen schaffte sie es, die Wohnzimmertür zu öffnen.

Frau flüchtet in Panik in den Hausflur

Vor der Haustür wiederholte sich die Situation, der Mann drang immer weiter auf sie ein, schwor dabei „auf seine Mutter“, dass er ihr ja nichts zuleide tun wolle. Erst als sie laut zu schreien begann, sich weiterhin widersetzte, ließ er sie gehen. Die Frau flüchtete in Panik in den Hausflur, direkt vorbei an zwei Nachbarn und späteren Zeugen, die von den Hilferufen alarmiert wurden.

Diesen Sachverhalt gab der Beschuldigte bereits vor der ersten Instanz zu und zeigte sich geständig. Seine Berufung beschränkte er auf die rechtliche Einordnung der Tat, welche die Verteidigung nicht als sexuelle Nötigung im rechtlichen Sinne betrachtete.

Dazu fehle es an der sogenannten Erheblichkeit, die verschiedene Auslegungen einer Handlung zulässt. Die Verteidigung komme zu dem Schluss: „Es fehlt an einer sexuellen Handlung des Angeklagten“, erklärte Rechtsanwalt Stefan Adler.

Richter: „Sexuelle Handlung von einiger Erheblichkeit“

Das Berufungsziel seines Mandanten sah vor, die Freiheitsstrafe auf eine Geldstrafe von unter 90 Tagessätzen zu drücken und damit einer Vorstrafe zu entgehen.

Auf einen Erfolg konnte sich der Mann schon im Vorfeld kaum Hoffnungen machen, wie der Vorsitzende Richter Gernot Christ eindeutig klarstellte. Das die Kammer überhaupt zu ­einer anderen Wertung als die erste Instanz komme, dafür bestehe „wenig Aussicht“. Der Vorwurf sei „ganz eindeutig und klar – es ist eine sexuelle Handlung von einiger Erheblichkeit“, betonte Christ.

Darüber hinaus hatte sich das Amtsgericht in seiner Entscheidung bereits auf einen minderschweren Fall bezogen. Eine noch mildere Strafe sei nicht zu erwarten. Zudem spielte im Urteil auch die besonders demütigende Situation eine Rolle, in die der Täter die junge Frau gedrängt hatte und der sie sich nur „nach langem Bitten und Betteln“ entziehen konnte, machte der Richter deutlich.

Geschädigte monatelang in psychiatrischer Behandlung

Bis heute habe die Frau mit dem Erlebten zu kämpfen, begab sich mehrere Monate lang in psychiatrische Behandlung und konnte sich erst spät überhaupt zu einer Anzeige durchringen. Das durch eine mildere Strafe noch zu bagatellisieren, sei aussichtslos. Auch um der Geschädigten eine erneute Konfrontation mit diesem Trauma zu ersparen riet der Richter dem Beschuldigten dazu, „für alle einen Schlussstrich zu ziehen und zu dem zu stehen, was sie getan haben – sehen sie den Tatsachen ins Auge“. Nach ausführlicher Diskussion und Beratung zog der Angeklagte das aussichtslose Rechtsmittel schließlich zurück und akzeptierte das Urteil.

von Ina Tannert