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„Man muss nur sehen wollen“

Lotte Michailova „Man muss nur sehen wollen“

Lotte Michailova sieht die Welt meist durch das Objektiv ihrer Kamera. Das eine Auge zugekniffen, das andere fokussiert konzentriert. Seit 60 Jahren fotografiert die Künstlerin alles, was ihr vor die Linse kommt. am Samstag wird Lotte Michailova 85 Jahre alt.

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Nicht ohne meine Kamera – Lotte Michailova fotografiert seit 60 Jahren.

Quelle: Marie Lisa Schulz

Marburg. Es ist der rechte Zeigefinger, der Lotte Michailova das Tor zur Welt öffnet. Mit ihm klickt sie sich durchs Internet, mit ihm betätigt sie den Auslöser ihrer Kamera. „Klick“ macht die Computermaus – und schon öffnet sich ein Videobearbeitungsprogramm. „Klack“ macht die Kamera und schon hat Lotte Michailova ein neues Foto für ihre Sammlung. Und die ist groß. So groß, wie nur die Fotosammlung einer Künstlerin sein kann, die seit mehr als 60 Jahren professionell fotografiert. Heute feiert Lotte Michailova ihren 85sten Geburtstag. Und ihre Kamera liegt schon griffbereit.

Ungeduldig wird sie an diesem Samstagmorgen aus ihrem Fenster im Erdgeschoss blicken und auf ihre Gratulanten warten. Kinder, Studenten, Nachbarn werden an ihrer Hecke vorbeigehen, kurz stehen bleiben, winken. Lotte Michailova kennt sie alle.

Und alle kennen Lotte Michailova – die älteste Bewohnerin des Hauses. Denn die 85-jährige Bulgarin lebt in einem Studentenheim am Richtsberg. „Hier ist einfach viel Bewegung. Hier lernt man, was Integration bedeutet“, erklärt die Fotografin. Vor zehn Jahren zog sie in die kleine Studentenwohnung. Was als Übergangslösung gedacht war, hat sich für Michailova als Glücksgriff erwiesen.

Damals hatte ihr Sohn, Prof. Michail Atanasov, eine Professur an der Universität Marburg angenommen. Gerade verwitwet packte Lotte Michailova, Tochter eines Deutschen, ihre sieben Sachen in Sofia/Bulgarien und folgte ihrem Sohn. Der unterrichtet mittlerweile in Bonn – Lotte Michailova lebt weiterhin auf dem Richtsberg. Hier ist sie zu Hause, hier, in der kleinen Wohnung mit dem typisch grauen Wohnheimboden will sie bleiben. Selbst jetzt noch, wo ihr das Gehen schwer fällt und sie tagtäglich die Tücken des Alters merkt.

Ob Winter, Sommer, Frühling oder Herbst – immer sitzt Lotte Michailova mit ihrer Digitalkamera am Fenster, fotografiert die Blumen vor ihrem Haus, den ersten Schnee, den bunten Regenbogen. Hunderte Bilder entstehen im Laufe des Jahres. Bilder, die die Künstlerin zu kleinen Videos zusammenbastelt. „Nach einer Hüftoperation kann ich kaum noch laufen. Das, was sich vor meinem Fenster abspielt, ist mein Leben“, erklärt Lotte Michailova leicht wehmütig. „Als ich den Film `Mein Fenster am Richtsberg‘ geschnitten habe, musste ich weinen“, bekennt sie.

Denn Lotte Michailova ist eine Frau, der erst im Alter der Sinn des Wortes „Grenze“ bewusst wurde. Sie hat studiert, arbeitete in Bulgarien lange Zeit im „Studio für Spielfilme“, später in einer Nachrichtenagentur. Sie hat die ganze Welt bereist, zahlreiche Preise für ihre Fotografien erhalten und ganz nebenbei noch einen Sohn großgezogen. Eine Vergangenheit, an die sich die 85-Jährige gern zurück erinnert, ohne den Blick für die Gegenwart zu verlieren.

Und während sie aus ihrem Leben erzählt, klickt sie sich wie selbstverständlich durch das Bildbearbeitungsprogramm – am modernen Flachbildschrim versteht sich. „Ich skype immer mit meinem Sohne“, bekennt die Seniorin stolz. „Das habe ich mir alles selbst beigebracht.“

Angst vor Veränderungen hatte Lotte Michailova nie. Sie war eine der Ersten, die ihre analoge Kamera gegen eine digitale tauschte. Für Nostalgie und Sentimentalitäten hat die 85-Jährige keine Zeit. „Mit der modernen Technik ist alles soviel leichter.“ Ob digital oder analog – die Kamera war immer dabei – und sorgte auch mal für mächtig Ärger.

1960 beispielsweise, als Lotte Michailova mit den Aktaufnahmen einer Studentin einen kleinen Skandal auslöste. „Das war tabu“, schmunzelt Michailova. Sie schaut sich gern die Bilder von früher an, zeigt Arbeitsproben aus den verschiedensten Jahren.

Nur ein Zeitraum, der fehlt in ihrer Sammlung. Ein komplettes Jahr, in dem die Künstlerin kein einziges Foto gemacht hat. Ein verdammt dunkles Jahr, wie sie heute sagt. Denn 1970 erkrankte die Fotografin – die Netzhaut löste sich ab, ihr Sichtfeld war stark eingeschränkt. Die Schönheit der Welt nicht mehr sehen und mit der Kamera einfangen zu können, für Lotte Michailova eine prägende Erfahrung.

Heute, nach einer langen Krankengeschichte und mehreren Augenoperationen, hat sie ihr Augenlicht wieder – wenn auch eingeschränkt. Seither blickt sie ein bisschen bewusster durch ihre Kameralinse in die Welt. In den kleinen Dingen das Besondere erkennen, das hat die 85-Jährige in den vergangenen Jahren gelernt: „Man muss nur sehen wollen“

von Marie Lisa Schulz

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