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Mamma Medea: eine Tragödie mit zwei Gesichtern

Hessisches Landestheater Mamma Medea: eine Tragödie mit zwei Gesichtern

Lang anhaltenden, zum Teil stürmischen Applaus gab es am Samstag im Hessischen Landestheater für die Premiere von „Mamma Medea“. Es ist die dritte Arbeit des jungen Regisseurs André Rößler in Marburg.

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Dunkel gekleidete Puppenspieler führen menschliche Marionetten im ersten Teil. Auch in ihrer neuen Heimat holen Medea die Geister der Vergangenheit ein.

Quelle: Ramon Haindl

Marburg. Mit „Medea“ hat der Euripides im antiken Griechenland wohl eine der schrecklichsten und tragischsten Frauenrollen der Literaturgeschichte erschaffen. Rößler greift für seine Inszenierung des Stoffes um die Kindermörderin Medea aber nicht auf das antike Stück sondern auf die zeitgenössische Bearbeitung des Flamen Tom Lanoye zurück. Der holt die Tragödie in die Gegenwart.

Die antiken Götter spielen schon bei Euripides keine große Rolle als Weltenlenker. Schon dort sind es die Menschen, die sich und andere ins Verderben stürzen. Bei Lanoye werden zudem Themen behandelt, die die modernen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts beschäftigen: Trennung, Sorgerechtsstreitigkeiten, Migration - und der Mord an Kindern aus Verzweiflung und als Waffe im Geschlechterkampf.

Japanisches Bunraku-Puppentheater trifft auf klassisches Drama

Rößler, der das Publikum mit seiner preisgekrönten Inszenierung von Sartres „Die schmutzigen Hände“ begeisterte und mit seiner Computer-Version des antiken Stückes „Antigone“ irritierte, hat wieder einen ungewöhnlichen Zugang zu dem Thema gefunden. Er präsentiert zwei streng voneinander getrennte Theaterformen: Im ersten Teil stark stilisiertes Theater mit Formen des japanischen Puppentheaters Bunraku, im zweiten Teil ein klassisches, modernes Drama.

Lanoye bleibt nah an der antiken Vorlage: Die Argonauten Jason (Martin Maecker), Telamon (Charles Toulouse) und Idas (Ogün Derendeli) ziehen aus, um das Goldene Vlies zurückzuerobern. Ohne die Hilfe der Königstochter, Heilerin und Zauberin Medea (Sonka Vogt) hätten sie keine Chance. Medea ist Jason verfallen, sie hilft ihm sogar, ihren Bruder in den Hinterhalt zu locken und ihre Tante, die Zauberin Kirke, zu besänftigen. Ihre Bedingung: Jason ehrt sie als Frau an seiner Seite.

Rößler bringt die archaische, fremde Welt der Kolcher mit Mitteln des japanischen Bunraku-Theaters auf eine leere, von rotbraunen Wänden begrenzte Bühne: Dunkel gekleidete Spieler führen allerdings keine Puppen sondern menschliche Marionetten. Thomas Streibig, Sonka Vogt, Tobias M. Walter und Regina Vogel sprechen die Rollen der Kolcher aus dem Zuschauerraum, dazu bewegen sich die menschlichen „Marionetten“ auf der Bühne. Rößler und seinem Team gelingen starke Bilder, auch wen Sprache und Mimik nicht immer synchron sind. Um das Fremde dieser Welt noch weiter zu betonen, sprechen die Kolcher in Versform, die Argonauten in unserer modernen Sprache.

Doch die Spielplatzidylle trügt

Der zweite Teil spielt in der Gegenwart auf einem Spielplatz mit Schaukel, Sandkasten und einem Schiff: Medea trägt inzwischen ein westliches Kleid, Idas einen Anzug, Jason Freizeitkleidung. Doch die Spielplatzidylle trügt: Von Jasons halbherzigen Schwüren ist nichts geblieben, Medea ist ihm nur noch ein Klotz am Bein. Denn Jason will sozial aufsteigen und Kreusa (Regina Vogel), die Tochter des Königs von Korinth heiraten.

Medea ist verzweifelt: Verraten, verlassen, von der Abschiebung und dem Verlust ihrer Kinder bedroht, sinnt sie auf Rache. Am Ende sind der König von Korinth, dessen Tochter und ihre beiden Kinder tot. Die Kinder Shawn und Seraina Lange und im Wechsel auch Marit Winterstein fügen sich toll ein.

In Rößlers Fassung tötet allerdings nicht nur die Frau Medea sondern auch der Mann Jason. Unfassbar, schrecklich - und doch bis heute bittere Realität. Statistisch werden in Deutschland jedes Jahr 240 Kinder von ihren Eltern ermordet, hat das Theater recherchiert - aus Verzweiflung, aus Eifersucht, aus Rache, aus Wahn.

Sehr Sehenswertes Stück

Sonka Vogt spielt die große tragische Frauenrolle mit einer Mischung aus Zerbrechlichkeit und unerbittlicher Härte, die sie schon in der „Dreigroschenoper“ ausgezeichnet hat. Ist sie zu Beginn noch ganz irritiertes verliebtes Marionetten-Mädchen, so wandelt sie sich in eine Frau aus Fleisch und Blut, die Jahre der Verletzungen rächt.

Martin Maecker gibt Jason als halbherzigen, gefühllosen Aufsteiger, der - selbst wenn er verzweifelt scheint - in allem seinen Vorteil sucht. „Mamma Medea“ ist ein sehr sehenswertes Stück, das Raum für Diskussionen öffnet, auch wenn das Ende sehr zynisch ist und dem Thema und Stück nicht gerecht wird.

Weitere Aufführungen sind heute (nur noch Restkarten) sowie am 12. und 16. Januar um 19.30 Uhr. Theaterkasse: 06421/ 25 60 8.

von Uwe Badouin

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