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Marburg Makabre Scherze kommen an
Marburg Makabre Scherze kommen an
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19:34 16.06.2017
Willi Lieverscheidt tourt seit vielen Jahren mit seiner Commedia dell‘arte durch die Republik.Foto: Nigar Ghasimi
Marburg

Täglich, außer montags, zeigt Willi Lieverscheidt mit seiner Compagnia Buffo in einem Zelt auf dem Waggonhallengelände eine rund zweistündige commedia dell‘arte. Ein mit Holzbänken bestückter Publikumsraum, eine Bühne, die aus zwei hintereinander liegenden Räumen besteht, Technik und Kulisse finden Platz in dem kleinen, mit Lichterketten behangenen Zelt, das mit viel Samt ausstaffiert ist.

Das Stück spielt im TV-Studio des königlichen Sanatoriums Santa Barbara. Dort in den abgelegenen Bergen der Sierra Nevada erwachen die Protagonisten der neuen Telenovela des Drehbuchautors Pedro Camacho zum Leben.

Die Lebensgeschichte von Elianita Gonzalez und Ricardo, der im Laufe des Stückes noch viele Identitäten annehmen wird, soll in dieser Staffel im Mittelpunkt stehen. Dabei bedient sich der Schauspieler Willi Lieverscheidt der unterschiedlichsten Darstellungsformen. Vom Schattenspiel über das Figuren- und Maskentheater bis hin zum Stummfilm und Straßentheater, werden alle Mittel ausgeschöpft. Raffinierte Video-Projektionen werden mit dem reellen Spiel vor und hinter der Bühne verbunden.

Viel Arbeit und Fleiß stecken unübersehbar in dieser Ein-Mann-Show. Lieverscheidt ist nicht nur Schauspieler, sondern auch Showmaster, für Licht und Ton zuständig und ebenso für die Umbauten. Dabei wird alles auf beeindruckende Weise ins Spiel integriert und mit großer Leichtigkeit gehandhabt, wenn auch die Thematik keine leichte ist.

Auch viele Figuren füllt Lieverscheidt aus. Sogar die von Ricardos angebetete Elianita, die von einer Puppe dargestellt wird, wird von Lieverscheidt gesprochen und gelenkt. Ricardo und Elianita sind Geschwister, sie verbindet eine tiefe „verbotene Liebe“, in der Elianita die abstrusesten Liebesbeweise verlangt wie einen Pferdekopf oder Ricardos linke Hand. Ricardo erfüllt seiner großen Liebe ohne auch nur mit der Wimper zu zucken jeden einzelnen Wunsch, so düster er auch sein mag.

Lieverscheidt spielt mit den Erwartungen und der Phantasie des Publikums. Er provoziert, indem er sich seine eigene Hand abtrennt oder ein Baby im Zuge eines Albtraumes bis auf die Knochen auffressen lässt. Er setzt volles Engagement ein und dehnt die Grenzen des guten Geschmacks stets um Millimeter aus, worin die Kunst seiner Unterhaltung liegt. Denn das Publikum scheint von so viel Skurrilität nicht abgeschreckt, ganz im Gegenteil - die makabren Scherze kommen gut an.

Noch bis zum 25. Juni ist dieses Theater der besonderen Art jeweils ab 20 Uhr zu sehen.

von Nigar Ghasimi