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Märchenfiguren wird der Prozess gemacht

Neuer Trend Märchenfiguren wird der Prozess gemacht

Am Staatstheater Mainz steht demnächst „Der gestiefelte Kater“ vor dem, Richtertisch. Er ist nicht die erste Märchenfigur, der der Prozess gemacht wird.

Mainz. Der gestiefelte Kater ist ein Schmarotzer und Scharlatan, ein Hühnerdieb und Hochstapler. Er betrügt seine Mitmenschen, wann immer er kann, und reißt sich zuletzt einen Ministerposten unter den Nagel - oder vielmehr unter die Kralle. Außerdem ist er ein eitler Macho.

Für Letzteres gibt es im deutschen Strafgesetzbuch keinen Paragrafen, illegaler Waffenbesitz und Tierquälerei aber sind strafbar. Auch Zwangsheirat, Geiselnahme und Erpressung kommen in der Geschichte der Brüder Grimm vor, wie auch andere Kindermärchen vor Straftatbeständen bis hin zu Mord nur so strotzen.

In fiktiven Prozessen werden Verbrechen aus der Märchen- und Comicliteratur inzwischen zur Verhandlung gemacht. Der Trend kommt aus den USA. Doch die „Fairy Tale Moot Courts“ erfreuen sich auch hierzulande wachsender Beliebtheit.

Jurastudenten üben anhand heiterer Schauprozesse den Ernstfall. In Köln, Bielefeld, Halle oder Freiburg hat die Jurastudentenvereinigung ELSA bereits Märchen-Schauprozesse abgehalten. Jetzt greift das Mainzer Staatstheater den Trend auf - und gibt ihm eine große Bühne. Am kommenden Montag, 13. Januar, wird dem „Gestiefelten Kater“ in der Karnevalshochburg in Kooperation mit ELSA der Prozess gemacht. Die Verbrechen und Straftaten des Helden, der in einer Inszenierung des Staatstheaters gerade das Publikum begeistert - 30 000 Besucher wurden bereits gezählt - werden nun endlich juristisch aufgearbeitet.

Die Anklage und die Verteidigung übernehmen Studenten aus Mainz und Frankfurt, den Richter spielt ein echter Jura-Professor. Im Anschluss erfolgt die Urteilsverkündung.

Bei einem ähnlichen Prozess in Halle sind die Panzerknacker zu zehn Jahren Haft verknackt worden. Der böse Wolf aus dem Rotkäppchen-Märchen kam in Halle mit sechs Jahren Haft davon: wegen versuchten Totschlags mit Freiheitsberaubung. Die Verteidigung hatte auf „Notwehr“ plädiert, die lebensmüde Großmutter aus der Seniorenresidenz sei dem Wolf praktisch ins Maul gesprungen. Der verklagte Wolf hielt sich eine Klage wegen Körperverletzung gegenüber dem Jäger vor.

Dem gestiefelten Kater werden jetzt in Mainz unter anderem Verstöße gegen das Jugendschutzgesetz und das Arbeitsrecht zur Last gelegt. Die Methoden, mit denen der schlaue Kater zu Macht und Reichtum gelangte, erinnern an Machenschaften korrupter Lobbyisten oder Banker aus der Gegenwart. Als mildernder Umstand könnte ins Spiel gebracht werden, dass es das gestiefelte Katzenvieh auch nicht immer leicht hatte: In seiner Jugend wurde dem Kätzchen angedroht, aus seinem Fell Handschuhe zu machen. Kein Wunder, dass dem Kater Stiefel lieber sind.

von Johanna Di Blasi

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