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Marburg Märchenerzählerin erhält Würdigung
Marburg Märchenerzählerin erhält Würdigung
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17:37 28.04.2017
Zur Präsentation der Tafel für Elisabeth Schellenberg kamen (hinten von links:) Professor Bruno Ehrhardt und Dr. Andrea Linnebach (beide Uni Kassel), Kulturdezernentin Dr. Kerstin Weinbach, Kulturamtsleiter Dr. Richard Laufner, die Projektbeauftragte Kristina Lieschke und Hausinhaberin  Nahid Panahyan sowie zwei Teilnehmerinnen des Girls‘ Days. Quelle: Nadja Schwarzwäller/Stadt Marburg
Marburg

An einem besonderen Ort fand die offizielle Vorstellung der neuen Tafelcharge des städtischen Projektes „Historische Hinweistafeln statt. Es war das Haus an der Mühltreppe 1 auf dem Verbindungsweg zwischen dem Alten Brauhaus am Pilgrimstein und der Alten Universität. Dort wohnte Elisabeth Schellenberg (1746 bis 1814), eine aus ärmlichen Verhältnissen stammende Marburgerin, schon als Kind. Sie war wohl die „Marburger Märchenfrau“, die den Brüdern Grimm das weltbekannte Märchen „Aschenputtel“ und „Der goldene Vogel“ erzählt hat. Dieses Ergebnis seiner Forschungen hat jedenfalls im vergangenen Jahr der Kasseler Grimm-Forscher Professor Holger Ehrhardt in einem aktuellen Forschungsband publiziert (die OP berichtete).

Der Kasseler Wissenschaftler­ machte dann auch die Verantwortlichen des Kulturamts auf die Personalie aufmerksam.Ehrhardt freute sich deswegen­ sehr über die Einladung zu der offiziellen Tafelvorstellung nach Marburg, der er auch zusammen mit einer Mitarbeiterin folgte. „Es passiert ja nicht so häufig, dass es Forschungsergebnisse mit so einer Breitenwirkung gibt“, sagte Ehrhardt.

Interessanterweise seien die Brüder Grimm, die später den weltberühmten Märchensammelband herausgaben, in ihrer Marburger Zeit wahrscheinlich häufig auf der Treppe an diesem Haus vorbeigegangen. Getroffen hätten sie Elisabeth Schellenberg, eine ihrer Märchenzuträgerinnen dann aber am Marburger Marktplatz.

Alltagsleben der Märchenerzählerin

Vom Alltagsleben der Märchenerzählerin ist nicht sehr viel bekannt, nur dass sie wohl an der Armutsgrenze lebte und  zwischen dem Jahr 1786 und dem Jahr 1802 in das Siechenhaus St. Jost eintrat, wo sie dann bis zu ihrem Tod lebte. Sie wuchs als uneheliches Kind eines Gerichtsboten in sehr ärmlichen Verhältnissen auf. Dass sie den Brüdern Grimm wohl ausgerechnet das „Aschenputtel“-Märchen über ein armes, schlecht behandeltes Mädchen erzählte, sei angesichts der ­Parallelen zu ihrem eigenen ­Leben wahrscheinlich kein ­Zufall gewesen.

Auch Nahid Panahyan, die Besitzerin des Hauses und Inhaberin der Pension, die jetzt in dem Gebäude untergebracht ist, freute sich über die Ehrung. Für die Suche nach den Wohnorten sowie die Verhandlungen mit den Hausbesitzern und die Gestaltung der Tafeln war bei ­allen drei Tafeln wieder Projektbeauftragte Kristina Lieschke im Auftrag des Kulturamts verantwortlich. Kulturamtsleiter Dr. Richard Laufner erläuterte, dass das Projekt „Historische Hinweistafeln“ jetzt bereits seit rund 20 Jahren läuft. Bisher wurden schon auf mehr als 40 Tafeln an ehemaligen Wohnhäusern verstorbene bedeutende Persönlichkeiten vorgestellt, die in Marburg eine Zeit ihres Lebens verbracht haben und Wichtiges geleistet haben. Zu den so von der Stadt Marburg Geehrten zählen beispielsweise der Politikwissenschaftler Wolfgang Abendroth, die Schriftstellerin Christine Brückner oder der Maler Otto Ubbelohde.

  • Mit einer „Historischen Hinweistafel“ erinnert wird seit Neuestem auch an den Religionswissenschaftler und evangelischen Theologen Rudolf Otto (1869 bis 1937), der von 1917 bis zu seiner Emeritierung 1929 an der Marburger Universität lehrte. Zu Beginn seiner Marburger Zeit erschien auch sein Hauptwerk „Das Heilige“. Die Tafel zu seinen Ehren hängt an seinem langjährigen Wohnhaus in der Sybelstraße 8.
  • Eine Ehrentafel erinnert jetzt auch an die Dichterin Mascha Kaléko (1907 bis 1975), die als junges Mädchen 1916 bis 1918 mit ihrer Familie in Marburg lebte, bevor die Jüdin erst nach Berlin umzog und 1938 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten in die USA emigrierte.
  •  Für kommende Woche lädt Projektbeauftragte Kristina Lieschke zu einem Spaziergang zu „Marburger Berühmtheiten“ entlang einiger „Historischer Hinweistafeln ein. Der Stadtspaziergang wird vom Geschichtsverein Marburg veranstaltet. Am Donnerstag, 4. Mai, ist die Elisabethkirche um 18 Uhr Treffpunkt für Interessierte. Über 90 Minuten geht es bis hinauf zum Marktplatz.

von Manfred Hitzeroth