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Marburg Macht und Ohnmacht im Familienalltag
Marburg Macht und Ohnmacht im Familienalltag
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18:21 13.05.2013
Bei Familie Klopper führt der Vater (Jürgen Helmut Keuchel, rechts) ein strenges Regiment, Margot (Katrin Hylla, links), Thomas (Thomas Mateusz Dopieralski) und die Mutter (Doris Plenert) leben in Angst. Foto: Ramon Haindl
Marburg

Das Stück nach dem Buch von Guus Kuijer in der Inszenierung von Annette Müller spielt im Holland der 50er-Jahre. Was sich in der Familie des neunjährigen Thomas abspielt, sieht man wie durch einen Schleier, der zu der Nachkriegs-Küche und ihren Bewohnern eine gewisse Distanz schafft.

Die ist auch nötig, denn in der Familie Klopper gibt es wenig Freude, sondern das strenge Regiment des bibeltreuen Vaters, der die Religion zum Vorwand nimmt, über seine Familie humorlos und mit harter Hand zu herrschen. Unter seinen Schlägen wendet sich Thomas von Gott ab und findet Trost bei einer als Hexe verschrienen Nachbarin, die ihm den Sinn für Bücher und Musik öffnet und ihm hilft, seine Angst zu überwinden. Thomas flüchtet sich einerseits in eine poetische Parallelwelt und seine Gefühle für die Nachbarstochter Elisa, geht den prügelnden Vater aber auch immer wieder an - und bekommt dabei immer mehr Unterstützung durch die Nachbarin, die Tante, Elisa, seine Schwester und schließlich auch die Mutter. Dazu kommt noch ein ziemlich lässiger Jesus, der Thomas klarmacht, dass von der Religion, wie sein Vater sie betreibt, wenig zu halten ist. Am Ende steht der Vater im Abseits.

Während die häusliche Welt von Thomas wie in der Romanvorlage in den 50ern angesiedelt ist, sind seine Begegnungen mit der „Hexe“ Frau van Amersfoort eher in der Jetzt-Zeit angesiedelt, was das Auftreten seiner Mentorin angeht - und auch die musikalischen Einlagen, die das lebenslustige und aufmüpfige Gegengewicht zur bedrückenden Welt der Familie darstellen. Das sorgt für Entspannung zwischen den Szenen voller Anspannung, Freudlosigkeit und Gewalt, aber auch für extreme Brüche im Handlungsfluss. Auf der anderen Seite sorgen durchweg sehr gute Darsteller für Authentizität.

Die Verortung in den 50er Jahren und die Betonung der Religion als Instrument der Unterdrückung verlegt das Thema - das ja leider auch ein durch und durch heutiges ist - in ein für Kinder fast abstraktes Umfeld. Dass es um etwas geht, was sich auch in der Nachbarwohnung abspielen könnte, kommt dabei kaum zum Tragen. Die nahezu locker-leichte Art, mit der das Problem letztlich gelöst wird, vereinfacht andererseits die Problematik, hilft aber wohl auch, die lastende Schwere aus dem Geschehen zu nehmen. Denn die Szenen, in denen Gewalt gegen die Kinder und die Mutter gezeigt werden, sind für Kinder schon ziemlich schwer zu ertragen.

Die Geschichte von der Macht der Kunst und dem Kampf gegen Angst und Unterdrückung ist eine schöne, die Entwicklung von Thomas nachvollziehbar und vorbildhaft. Der Wechsel zwischen Düsternis und Beklemmung und nahezu flapsiger Lockerheit aber vielleicht doch zu extrem, um die Geschichte gerade jüngeren Kindern nahe zu bringen.

Als Grundlage für intensive Gespräche zwischen Kindern und Erwachsenen eignet sich „Das Buch von allen Dingen“ aber auf jeden Fall - es ist dem Theater hoch anzurechnen, auch Stücke mit solch schwerer Thematik auf den Spielplan zu bringen. Man sollte sein Kind bei der Auseinandersetzung mit diesem drastisch dargestellten Thema aber nicht unbegleitet lassen.

Weitere Vorstellungen sind heute und morgen um 11 Uhr (ausverkauft) sowie am 26. Mai um 17 Uhr.

von Heike Döhn

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