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Marburg Mach‘s noch einmal, Schneewittchen
Marburg Mach‘s noch einmal, Schneewittchen
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20:11 03.04.2012
Wer ist die Schönste im ganzen Land? Schneewittchen (r., Lily Collins) oder ihre böse Stiefmutter (Julia Roberts)? Quelle: StudioCanal

Marburg. Eine böse Königin, eine unschuldige Prinzessin, ein edler Ritter und sieben Zwerge, das sind im Wesentlichen die Zutaten eines berühmten Märchens, das schon zahllose Male verfilmt wurde.

Nun setzt der Inder Tarsem Singh mit einer gekonnt aberwitzigen Neuinterpretation dagegen, mit einem Action-Realfilm, in dem es um mehr geht als verletzte Eitelkeit und ewige Liebe.

Es kommt das soziale Gewissen ins Spiel, eine verwöhnte Prinzessin teilt emanzipatorische Befreiungsschläge aus, und die böse Königin wird ausgerechnet von Julia Roberts gespielt.

Das oft arg schwülstig anmutende Kunstwollen früherer Filme von Tarsem Singh („The Fall“, „Krieg der Götter“) löst sich in „Spieglein, Spieglein“ perfekt im symbolträchtigen Prunk opulenter Märchenwelten auf, in einer Orgie der Farben und Formen in Ausstattung und Kostümen.

„Es war einmal - ein König und seine geliebte Königin, die bekamen eine Tochter, der sie den ausgefallensten Namen gaben, der ihnen einfallen konnte: Schneewittchen.“ Voller Geringschätzung lässt sich Julia Roberts die geschliffen bösen Worte auf der Zunge zergehen, wenn sie diese Geschichte erzählt. Mit einem verächtlichen Schulterzucken und einer wegwerfenden Handbewegung verbindet sie den Geist des Schulhofzickenkriegs mit der Größe einer Königin – nur einer von vielen irrwitzigen Widersprüchen, die in dem Film aufeinander prallen.
Aus der drollig bunten Zwergenschar wird kurzerhand eine düstere Bande von Räubern. Alle, die sonst in den Märchen schwach und hilflos auf magischen Beistand warten, nehmen ihr Schicksal hier beherzt selbst in die Hand. So zettelt die verstoßene Prinzessin unter den Dorfbewohnern, denen die Königin immer höhere Steuern abpresst, um ihr Luxusleben zu finanzieren, kurzerhand eine Revolution an.

Eine echte Augenweide sind die ebenso opulenten wie hochdramatischen Kostüme der im Januar verstorbenen Kostümbildnerin Eiko Ishioka, die für „Bram Stoker’s Dracula“ einen Oscar bekam. Eingebettet sind diese bisweilen schrill-bunten und immer ausladenden Kreationen in malerische Szenerien, die künstliche Computerschöpfungen mit den realen Inszenierungen der Natur verschmelzen. Da breitet sich eine Märchenlandschaft aus, mit einem bizarren Schloss auf einer schwindelerregend schmalen Felsklippe.  Am Ende ist der vergiftete Apfel nicht mehr als eine Fußnote, und alle Welt stimmt ein in ein grandioses Bollywood-Finale.

von Anke Sterneborg