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Marburg Von der Ruine zur Perle
Marburg Von der Ruine zur Perle
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14:55 29.08.2018
Der Lokschuppen an der Waggonhalle soll demnächst ein neues Gesicht erhalten.  Quelle: horsten Richter
Marburg

Als Gunter Schneider die letzte Folie seiner Projektpräsentation öffnet, geht ein Raunen durch den mit 100 Zuhörern gefüllten Saal. Die Fotomontage, die den umgebauten Lokschuppen und seine zwei geplanten Neubauten zeigt, verfehlt ihre sicher kalkulierte Wirkung nicht: Ein Mix aus Erstaunen und Begeisterung herrscht, selbst einstige Projektgegner scheinen zu spüren, dass die Stimmung endgültig zugunsten der Privatinvestoren-Pläne gekippt ist.

Von Denkmalschutz, „Christus Treff“, Nutzungs-Entfremdung wird am Abend keiner mehr sprechen. Das, was Skeptiker nach dem Vortrag an Mängeln benennen werden,­ bezieht sich eher auf Details: Raum- und Parkplatz-Kapazitäten, Gastronomie-Angebot, Fassaden-Gestaltung. Das ist der Kern des Bauvorhabens: Der Hauptbereich, dessen Schallemissionen sich vom Ortenberg weg in Richtung Bahngleise richten, soll je nach Veranstaltungsgröße 550 bis 1000 Gästen Platz bieten.

„Die Atmosphäre des Industriedenkmals, die Stimmung im Inneren wollen wir erhalten – etwa durch das Mauerwerk“, sagt Bernhard Paulik, Architekt. Zusätzlich zu den 69 bestehenden, auch weiterhin als öffentlicher Parkraum nutzbaren Stellflächen, wird ein flaches Parkdeck – dessen öffentliche oder private Nutzung noch offen ist – für Dutzende weiterer Autoabstell-Möglichkeiten geschaffen.

Zudem sind mehr als 100 Radstellplätze geplant. „Zu wirklich großen Events wird es vielleicht fünf bis zehn Mal im Jahr kommen, 1000 Menschen werden also­ nicht die Regel sein. Ausreichend Parkplätze würde es aber durch die Einbeziehung der Flächen an der Käthe-Kollwitz-Schule geben“, sagt Paulik.

„Es ist ein Gebiet irgendwo zwischen Ruine und Perle. Wir wollen diese Gegend zu einem Marburger Plaza machen“, sagt Gunter Schneider, Geschäftsführer von Optik Schneider.

Das 80-Betten-Hotel wird auf den Grundmauern des denkmalgeschützten Werkstattgebäudes errichtet. Zwischen einem Lobby- und Seminarbereich im unteren Bereich, den vor allem der Hauptmieter „Christus Treff“ für 140 Personen nutzen wird, wird als optisches Trennelement zum mehrstöckigen Hotel ein Glas-Geschoss eingezogen.

Die Spitze des Hotels werde die nahe Kletterhalle rund zwei Meter, nicht wie von Kritikern befürchtet um ein ganzes Geschoss überragen. Die Fassade des Hotels soll in der Optik von rostendem Stahl gehalten sein.

Diesen orange-rötlich wirkenden, sogenannten Cortenstahl findet man unter anderem am Schriftzug der Elisabethbrücke an der Einmündung Bahnhofstraße/Krummbogen. Das Gründerzentrum soll Platz für 80 im Kreativbereich tätige Personen bieten, ein auf das Bestandsgebäude gesetztes Geschoss soll der Bereich für sogenannte Business-Angels – mögliche Start-up-Partnerfirmen – sein.

In diesem ­Bereich liege das eigentliche Fachwissen des Unternehmens: Kreative und ihre­ Ideen mit etablierten Firmen zusammenbringen, Produktentwicklung betreiben. Schneider sieht Marburg aufgrund der geografischen Lage, speziell die Hauptbahnhofsnähe des Neu-Lokschuppens als einen „möglichen Treffpunkt der Kreativen auf Deutschlands Nord-Süd-Achse“.

„Essen auf Schienen“

Egal wie: „Diese Stadt braucht einen Ort, wo sich Ideen zu ­Geschäftsmodellen entwickeln können.“ In der Mitte des Gebäudes vorgesehen ist ein Gastronomiebereich – zu dessen Konkurrenz-Charakter zum ansässigen „Rotkehlchen“ es zwischen Investor Schneider und Kritikern wie Pit Metz, Vorsitzender der Ortenberggemeinde, und Tanja Bauder-Wöhr, Linken-Stadtverordnete, grundsätzlich andere Auffassungen gibt.

Das Restaurant-Konzept solle laut Schneider in Richtung Qualitäts-Küche und Erlebnis-Gastronomie, etwa ein „Essen auf Schienen“ gehen. Dort soll auch der Frühstücksraum für das benachbarte Hotel sein. Ein Neubau gegenüber des Sitzes von „Radio Unerhört Marburg“ dient sowohl als Backstage-Bereich für Künstler als auch als Lager.

Ein zweiter Neubau, der allerdings auf einem nicht im Kaufvertrag und Kaufpreis enthaltenen und somit noch der Stadt gehörenden Grundstück geplant ist, dient als Künstlerwerkstatt – die Thomas Gebauer, dem vormals im Werkstattgebäude tätigen Kreativen versprochene Arbeitsplatz-Kompensation (OP berichtete).

Von „einigen Unwägbarkeiten“ was den Zeitplan – Fertigstellung bis Sommer 2020 – angeht, spricht Schneider vor allem aufgrund der Kontamination des Erdbodens.

Grund ist eine geplante Unterkellerung des Lokschuppens und eines Nebengebäudes, was Tiefbauarbeiten und somit ­eine Überprüfung des Untergrunds sowie Entsorgung von Altlasten aus Bahnbetriebszeiten nötig macht.

Während die Radverkehrs-Aktivisten Wolfgang Schuch und Hans-Horst Althaus vom Investor vor allem eine höhere Zahl von Fahrrad-Stellplätzen sowie von der Stadt Radwege-Verbesserungen forderten, sorgte sich Lars Opgenoorth (Alpenverein/Kletterhalle) wegen des „massiv steigenden Besucher- und somit Verkehrsaufkommens, das sich hoffentlich nicht nur theoretisch auf Plänen, sondern praktisch im ­Betriebsalltag einfangen lässt“.

Mehrere Ortenberg-Bewohner wie etwa Heinz Jansen zweifeln indes daran, dass befürchtete Nutzungskonflikte speziell zwischen den beiden Gastronomie- und Kulturangeboten ausgeräumt sind.

Inhaltlichen Konzepte fließen zusammen­

Andere der insgesamt 100 ­Zuhörer halten die Parkplatz-Situation oder Hotelfassaden-Farbgebung für verbesserungsfähig. Aufhorchen ließ vor allem die Tatsache, dass Co-Investor Christmann Pfeifer, zu Beginn des Bieterverfahrens noch Schneider-Konkurrent, tatsächlich nicht mehr Teil der Bietergemeinschaft ist (OP berichtete).

Die Firma aus dem Hinterland werde nur als Bauunternehmer auftreten, bestätigte C+P-Spitzenmann Jörg Schwarz nun öffentlich: „Wir wollten im Gegensatz zu Schneider nie als langer Bestandshalter auftreten. Trotzdem sind unsere inhaltlichen Konzepte zusammengeflossen­ und als Baupartner sind wir ­weiter Teil des Projekts.“

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD), der das umstrittenen Auswahl- und Vergabeverfahren als „vorbildlich“ bezeichnete, sieht in dem Lokschuppen-Umbau einen „prägenden Punkt und wesentlichen Teil der Nordstadt-Weiterentwicklung, die den Ortenberg näher an die Kernstadt rückt“. Aus einer „liebenswerten Ruine, einem kommunalen Trauerspiel“ werde nun ein städtebaulicher Akzent“.
von Björn Wisker