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Marburg Lokale Projekte sehen von Fördergeld nichts
Marburg Lokale Projekte sehen von Fördergeld nichts
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00:17 31.12.2018
Es gibt Einrichtungen, die weiblichen Opfern von Gewalt helfen. Diese werden zum Teils sogar staatlich gefördert. Quelle: Bernd Weissbrod/dpa / Themenfoto
Marburg

Angesichts Zehntausender gewalttätiger Übergriffe auf Frauen jedes Jahr wollen Bund, Länder und Kommunen Hilfs- und Schutzangebote ausbauen. „In Deutschland wird jeden dritten Tag eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet“, sagte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) anlässlich der ersten Sitzung eines Runden Tischs von Bund, Ländern und Kommunen gegen Gewalt an Frauen in Berlin.

Ziel der Zusammenarbeit ist der Ausbau und die finanzielle Absicherung der Arbeit von Frauenhäusern und ambulanten Hilfs- und Betreuungseinrichtungen. Der Bund will mit einem Förderprogramm die Einrichtungen absichern. 2019 sind dafür 5,1 Millionen Euro eingeplant, im Jahr darauf sollen 30 Millionen Euro fließen.

Monika Galuschka und Claudia Bergelt vom Marburger Verein „Frauen helfen Frauen“, der in der Lahnstadt das Frauenhaus und eine Beratungsstelle betreibt, freuen sich über den Vorstoß der Bundesministerin, bleiben aber zurückhaltend. Bisher ist die Finanzierung von Frauenhäusern, neben Mitteln der Stadt, dem Landkreis, Spenden und Mieteinnahmen Angelegenheit der jeweiligen Landesregierung.

46 Staaten haben Abkommen unterzeichnet

Das Millionen-Förderprogramm kommt aber vom Bund, die Verteilung also unklar und unkonkret. „Die Betreiber der Frauenhäuser haben schon vor Jahren eine Finanzierung durch den Bund gefordert. Das ist 10 bis 15 Jahre her und im Sande verlaufen“, erinnert sich Monika Galuschka. Beide Beraterinnen bringen die Istanbul-Konventionen ins Spiel, ein Übereinkommen des Europarats von 2011 zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt.

Der völkerrechtliche Vertrag schafft verbindliche Rechtsnormen und trat am 1. August 2014 in Kraft. Bis September 2018 wurde das Übereinkommen von 46 Staaten unterzeichnet und von 33 ratifiziert, von Deutschland am 12. Oktober 2017. Höchstwahrscheinlich wird in die Umsetzung dieser Konvention viel von dem Geld fließen, das vom Bund in den kommenden Jahren bereit gestellt wird. „Für unsere lokalen Projekte ist es fraglich, ob wir von dem Förderprogramm profitieren“, sind die beiden Vertreterinnen des Marburger Vereins skeptisch.

Hessische Frauenhäuser auf einer Webseite

Sie sehen das Problem auch noch an anderer Stelle. „Es fehlt sozialer Wohnraum“, appelliert Monika Galuschka. Viele Plätze im Frauenhaus werden von Frauen belegt, die keinen besonderen Schutz mehr benötigen, aber keine Wohnung finden, weil der Markt so angespannt ist. Es gibt Überlegungen des Vereins, ein Konzept für ausgelagerte Schutzwohnungen zu entwickeln, damit Frauen wieder zurück in ein normales Leben finden.

Ein weiterer Faktor sind misshandelte Flüchtlingsfrauen. Es gibt Fälle in denen Betreuer in Heimen und Erstaufnahmeeinrichtungen die Frauen regelrecht vor den Ausbrüchen ihrer Ehemänner retten mussten. „Diese Frauen haben einen langen und intensiven Unterstützungsbedarf“, berichtet Monika Galschuka.

Gerade weil freie Plätze Mangelware sind, gibt es seit Juli einen gemeinsamen Internetauftritt aller 31 hessischen Frauenhäuser. Unter www.frauenhaeuser-hessen.de gibt es einen tagesaktuellen Überblick über freie Plätze im Land. Monika Galuschka rät: „Egal, welcher Status angezeigt wird – immer anrufen. Wir versuchen dann, trotzdem weiterzuhelfen oder Alternativen zu einem Frauenhausaufenthalt zu entwickeln.“

von Katja Peters
 und Basil Wegener

Eine OP-Reportage über eine Bewohnerin des Frauenhauses Marburg lesen Sie hier.