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Marburg „Liebe mit ihr kann tödlich sein“
Marburg „Liebe mit ihr kann tödlich sein“
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06:15 20.06.2012
Der absolute Höhepunkt in 21 Jahren Konzerttätigkeit des SSO in und für Marburg: Die Oper „Carmen“ als Konzert. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Das hat es nach einem Semesterabschlusskonzert des Studenten-Sinfonie-Orchesters Marburg (SSO) noch nie gegeben. Kaum war am Samstag im ausverkauften Audimax der letzte Ton von Georges Bizets Meisterwerk „Carmen“ verklungen, erhoben sich die mehr als 800 Zuhörer geschlossen von ihren Sitzen und feierten alle Mitwirkenden zehn Minuten lang mit einem wahren Beifallsorkan.

Völlig zu Recht, denn diese Premiere, der am Sonntag davor die „Generalprobe“ in der Berliner Philharmonie vorausgegangen war, markiert den absoluten Höhepunkt in 21 Jahren Konzerttätigkeit des SSO in und für Marburg. Nicht wenige im Publikum, die zuvor noch nie eine Oper auf der Bühne gesehen hatten, dürften durch diese packende konzertante Wiedergabe dazu bewegt worden sein, die herrlichste aller Musikgattungen auch einmal dort zu erleben, wo sie hingehört: im Theater.

Kein ordinäres Weib, vor dem gewarnt werden muss

Im Audimax allerdings vermissten die Zuhörer die Szene in keiner Sekunde. Was auch ein Verdienst des so humorvoll wie fachkundig durch den Abend führenden Herbert Feuerstein war - mal als Erzähler, der sich nie über Gebühr in den Vordergrund spielte, mal im Dialog mit den im französischen Original singenden Solisten. Bei diesen ragte die Titelheldin heraus.

Ulrike Mayer ist eine Carmen, wie sie Bizet bei der Komposition vorgeschwebt hat. Kein ordinäres Weib, vor dem die Männer wie in der Zigarettenwerbung gewarnt werden müssen (Feuerstein: „Die Liebe mit ihr kann tödlich sein“), sondern eine selbstbestimmt und gradlinig ihren Weg gehende junge Frau, für die die Liebe ein widerspenstiger Vogel ist, den nichts zähmen kann, wie sie in der berühmten „Habanera“ singt. Zu dieser Sichtweise passte Mayers schlanker und warm timbrierter Mezzosopran ideal, der jedoch auch den dramatischen Furor des finalen Todeskampfes mit Don José mühelos meisterte.

Dieser war mit Michael Zabanoff ebenfalls optimal besetzt. Sein strahlender Tenor überzeugte in den an Wahnsinn grenzenden Eifersuchtsausbrüchen genauso wie in dem lyrischen Liebesbekenntnis der „Blumenarie“, deren von einem hohen B gekrönten Schluss er, anders als viele berühmte Kollegen, nicht „brüllte“, sondern, wie von Bizet gewünscht, im Pianissimo verklingen ließ.

Behutsame szenische Akzente setzte Alban Lenzen als „Stierkämpfer-Superstar“ (Feuerstein), der mit sonorem Bassbariton nicht nur im „Torero-Lied“ auftrumpfte, sondern auch als samtig singender „Frauenversteher“ glänzte. Besondere Anerkennung bei den durchweg rollengerecht besetzten kleinen Partien verdiente sich der Bariton Peter Dasch, Mitglied der Gruppe „Adoro“, der trotz Erkältung sang und damit die Aufführung rettete. Schade, dass die Micaela von Johanna Krumin mit gepressten Sopranhöhen verstörte - der einzige Schwachpunkt im Ensemble.Der Berliner Chor „Cantus Domus“ bestach mit seinen jungen, schlank und zupackend-frisch singenden Stimmen. Chorleiter Ralf Sochaczewsky dirigierte die ersten beiden Akte, SSO-Chef Ulrich Manfred Metzger die letzten zwei. Beide Dirigenten führten das Laienorchester zu einem Optimum an Klangschönheit und feuriger Intensität. Das hört man auch an so manchem Stadttheater nicht besser.

Am ersten Bratschenpult musizierte übrigens Burchard Schäfer. Am kommenden Samstag ab 19 Uhr und Sonntag ab 16 Uhr wird er in der Stadthalle am Pult des SSO stehen, das er 13 Jahre lang bis 2006 geleitet hat: bei den szenischen „Carmen“-Aufführungen des Gymnasiums Philippinum.

von Michael Arndt

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