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Marburg Die kaukasische Katastrophe
Marburg Die kaukasische Katastrophe
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00:17 07.11.2018
Das Foto zeigt die Erfolgsautorin Nino Haratischwili auf einem Archivbild bei der Feier zum Deutschen Buchpreis. Pressefotos vom Abend im TaSCH lehnte sie ab, weil es von ihr „genug Schnappschüsse“ gebe, über die sie „keine Kontrolle“ habe. Quelle: Arne Dedert
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Sie sitzt in der ersten Reihe des Bühnenraums, als ihr Publikum hereingelassen wird. Bereits im Foyer bewiesen die 200 Literaturfreunde Geduld im Gedränge, und nun lässt sich Nino Haratischwili beinahe 20 Minuten Zeit, bis sie ans Lesepult geht. Moderatorin Verena Thinnes überlässt der Georgierin nach einem herzlichen Abriss ihrer Erfolge (unter anderem Brecht-Preis, Nominierung für den Deutschen Buchpreis) die Bühne. „Es ist ein bisschen wie ein Heimspiel“, sagt Haratischwili, „denn sechs Wochen habe ich hier inszeniert.“

Als Regisseurin ihres Gegenwartsdramas „Radio Universe“ hatte die 35-Jährige die Spielzeiteröffnung des neuen Intendantinnenduos am Hessischen Landestheater mitgestaltet. Für die knapp zweistündige Lesung am Dienstagabend, organisiert vom Marburger Literaturforum, hat sie drei Passagen ihres vierten Romans „Die Katze und der General“ ausgewählt.

Pressebericht war Initialzündung

Mit der Routine einer Viel-Interviewten informiert die Wahl-Hamburgerin zunächst über das „Warum und Wie“ des 750 Seiten starken und polarisierenden Werks, oft bezeichnet als „Schuld und Sühne“-Roman.
Initialzündung sei ein Bericht der Journalistin Anna Politkowskaja gewesen „über Gräueltaten und großes Leid im Nordkaukasus“ während der Tschetschenienkriege. Die 2006 ermordete Menschenrechtlerin­ beschrieb die katastrophalen ­Ereignisse um eine russische Brigade auf Urlaub in einem tschetschenischen Bergdorf. „Da war Ruhe“ sagt Haratischwili, „und die hielt der Oberst nicht aus.“ Seine wachsende Paranoia mündete in die Stürmung des Dorfes; im Gewaltrausch wurde eine 17-jährige Tschetschenin vergewaltigt und getötet.

„Ich musste sofort an ein antikes Drama denken.“ Was mache Menschen zu Tätern?, habe sie sich gefragt. „Die jungen Männer kamen ja nicht als Psychopathen auf die Welt.“
Inspiriert von dieser Tragödie­ entsteht Haratischwilis Geschichte um Nura, die jedoch „nur auf den ersten 50 Seiten lebendig“ ist. Im Jahr 1994 wandert die junge Tschetschenin durch die „schlummernde Schlucht“ ihres Dorfes und träumt von einem selbstbestimmten Leben. Das „Maul des Nebels“ frisst sie nicht, doch für Nura, die gelernt hat, „mit dem Wind Schritt zu halten“, gibt es kein Entrinnen vor einer „irritierenden Karawane“: Soldaten in Geländewagen rasen durch die Schlucht, „es lauerte etwas in der Luft“.

Vom "Würstchen" zum Mörder

Hier macht die Schriftstellerin einen Schnitt und wechselt mit der zweiten Textpassage in die „Atempause von der Hölle“, die Alexander Orlows Realität radikal verändert und Nuras junges Leben auslöscht. „Dieser Alexander wurde vom kleinen Malisch, dem Würstchen, zum Mörder“, der als machtbesessener Oligarch im heutigen Berlin „der General“ genannt wird und nicht über Nura hinwegkommt.

Wer weiß, was aus der steten­ Stille im Publikum geworden wäre, ohne die heitere Gegenwartsszenerie der dritten Passage. Einen Künstler-Salon in Wedding beleben „glücklose Nostalgiker“ aus Osteuropa. Hier wohnt die „Katze“, die immer auf ihren Füßen landende Schauspielerin Sesili. Sie sieht aus wie Nura.

Lust machen, das Buch zu lesen

Als endlich ein spürbarer Kontakt zu ihren Lesern besteht, klappt die Autorin das Buch zu, und Verena Thinnes setzt sich an ihre Seite, um ein trautes Zwiegespräch zu führen über den ­Istanbul-Aufenthalt der ­Autorin („ein schöner Ort zum Arbeiten, nebenan war der Erdogan-­Palast“), den berühmten Vorgänger-Roman und etwaige literarische Vorbilder.

Das Publikum bekommt nur wenig Zeit für eigene Fragen: „Das kann ich Ihnen ja nicht plausibel erklären, Sinn des Abends ist doch, dass Sie Lust haben, das Buch zu lesen“, sagte Haratischwili.

von Sabine Jackl