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Marburg Leidenschaft und Nachdenklichkeit
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18:21 21.10.2013
Daniel Raiskin ist ein Emotionsmusiker.Foto: Marco Borggreve
Narburg

Der Marburger Konzertverein hat für das erste Konzert im Audimax, in das er wegen des Stadthallenumbaus zwei Spielzeiten lang ausweichen muss, eines der erfolgreichsten Gastorchester der vergangenen Spielzeiten verpflichtet: Das Staatsorchester Rheinische Philharmonie Koblenz unter seinem Chefdirigenten Daniel Raiskin hatte bereits 2006 und 2010 auf hohem Niveau überzeugt. Und das war auch am Sonntag nicht anders - zumal die Gäste vom Rhein einen der herausragenden Geiger unseres Landes mitbrachten. Kolja Blacher, der vor 50 Jahren geborene jüngste Sohn des Komponisten Boris Blacher, ist in seinem ernsten, fast asketisch wirkenden Auftreten der totale Gegensatz zu einem auf Effekt setzenden Geiger wie David Garrett, der am 1. November zur Premiere seines Paganini-Films ins Cineplex kommt.

Blacher musizierte mit geradezu heiligem Ernst die Marburger Erstaufführung eines romantischen Meisterwerks: das 1853 komponierte d-Moll-Violinkonzert von Robert Schumann, das Besucher der Eckels-hausener Musiktage bereits vor drei Jahren zum 200. Geburtstag des Komponisten in Buchenau mit Friedemann Eichhorn erleben durften.

Es hat lange gedauert, bis dieses Konzert sich im Repertoire durchsetzen konnte. Der Widmungsträger Joseph Joachim hatte Schumanns letzte Orchesterkomposition nicht nur nicht gespielt, sondern die Uraufführung testamentarisch bis zum 100. Todestag des Komponisten 1956 untersagt.

Ergreifende Schönheit

Dennoch kam es 1937 dazu: Georg Kulenkampff spielte in Berlin vor den versammelten Nazi-Größen eine verstümmelte Bearbeitung, um Yehudi Menuhin in New York zuvorzukommen. Der setzte dort natürlich aufs Original, das heute ausnahmslos erklingt. Mit sonor-kraftvollem Ton widmete sich Blacher dem majestätischen Thema des Kopfsatzes und den zahlreichen grüblerischen Reflexionen. Im wundervollen lyrischen Seitenthema, das für den späten Schumann charakteristisch ist, ließ er sein Instrument genauso eindringlich und bewegend singen wie in der innigen Melodie des langsamen Mittelsatzes, deren ergreifende Schönheit die Solocellistin der Rheinischen Philharmonie als erste aufblühen ließ. Bravourös bewältigte Blacher die spieltechnisch äußerst knifflige Final-Polonaise mit ihren auf und ab rasenden Läufen und Arpeggien.

Raiskin und die Rheinische Philharmonie umgaben das Schumann-Konzert mit zwei Werken von Johannes Brahms, die ihm im Charakter ähneln. Denn sowohl die „Tragische Ouvertüre“ als auch die 3. Sinfonie wechseln beständig von leidenschaftlichem Aufschwung in verinnerlichte Nachdenklichkeit - Werke also, die in einem Emotionsmusiker wie Raiskin einen idealen Interpreten haben. Er ließ sein an allen Pulten glänzend besetztes Orchester nicht nur die dramatisch aufgeheizten Ecksätze der F-Dur-Sinfonie mit geradezu eruptiver Energie ausmusizieren, er setzte auch in den wie „Lieder ohne Worte“ wirkenden Mittelsätzen auf ein Optimum an kammermusikalischer Feinarbeit, indem er dort auf den Taktstock verzichtete und die Wiedergabe mit beiden Händen formte.

Den lang anhaltend applaudierenden 500 Zuhörern schenkten die Gäste aus Koblenz noch einen „Liebesgruß“: das schwärmerische „Salut d‘amour“ des britischen Spätromantikers Edward Elgar.

von Michael Arndt

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