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Marburg Leichen für den Frieden?
Marburg Leichen für den Frieden?
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18:13 05.05.2014
Den Konflikt zwischen Individuum und anonymer Gruppe thematisiert das Theaterlabor des Hessischen Landestheaters in der „Orestie des Aischylos“.Foto: Dennis Jagusiak Quelle: Dennis Jagusiak -wedding photogr
Marburg

„Friede für immer! Friede für immer!” Dies fordert lautstark der Chor, er skandiert die Worte wie die Teilnehmer einer Demo. Die Hoffnung auf Frieden steht am Ende eines Stücks, in dessen Welt das Gegenteil herrscht: Es wird so viel und so brutal gemordet, dass sich wahre Blutströme über die Bühne ergießen - das allerdings lediglich in der Fantasie des Zuschauers, denn im Gegensatz zu manch anderer Inszenierung des Stoffs bleibt das Theaterblut in Marburg im Schrank.

Stattdessen wartet das Theaterlabor des Hessischen Landestheaters mit starken schauspielerischen Gruppen- und Einzelleistungen auf. Der Inszenierung merkt man an, dass die Regisseure Ogün Derendeli und Franziska Knetsch sonst auf statt hinter der Bühne zu finden sind. Unter ihrer Leitung formen die 22 Studierenden einen Chor, der einerseits wie ein größeres, aber vielstimmiges Lebewesen agiert, aus dem sich andererseits aber auch immer wieder individuelle Charaktere herauslösen.

Gekleidet und geschminkt sind sie alle gleich - schwarzer Einteiler mit Kapuze, weiße Gesichter und ein schwarzer Balken um die Augen, der an die Methode erinnert, mit der in den Medien Personen unkenntlich gemacht werden. Und genau um diese, in Kleidung und Schminke zum Ausdruck gebrachte Spannung geht es in dem 2500 Jahre alten Stück: den Konflikt zwischen Individuum und (anonymer) Gruppe oder - modern gesprochen - zwischen Bürger und Staat.

Aischylos, der 458 vor Christus mit seiner Tragödie den Siegespreis bei den Festspielen zu Ehren des Gottes Dionysos gewann, thematisiert am Beispiel des verfluchten Hauses Atreus die Einführung eines demokratischen Prinzips in die griechische Gesellschaft. Statt traditionell mittels Blutrache sollen Verbrechen zukünftig von einem demokratisch legitimierten Gericht verhandelt und gesühnt werden. Doch bis es dazu kommen kann, ist es ein weiter Weg, der mit Leichen gepflastert ist.

In der Inszenierung des Theaterlabors werden diese Bluttaten jedoch sehr reduziert dargestellt: Eine kurze Berührung an der Stirn, dazu blutrotes Licht und ein metallischer Misston - mehr braucht es nicht, um einen Mord eindrucksvoll in Szene zu setzen. Besonders gut funktioniert das in der sehr emotionalen Szene, in der Orestes (Pit Balbierer) seine um ihr Leben flehende Mutter Klytaimestra (Elena Heibel) ermordet. Besonders positiv hervorzuheben sind außerdem die schauspielerischen Leistungen von Annika Egenolf (Elektra), Marcel Beyer (Agamemnon), Michael Schmidt (Apollon) sowie Kathrin Werner (Athene).

Großartig agiert außerdem der Chor, der sich später in die Erynnien verwandelt. Die bösartigen Rachegöttinnen, die Orestes nach seiner Tat verfolgen, kriechen und winden sich, fauchen und keifen, dass es selbst den Zuschauern angst und bange wird. Unterstützt werden die Schauspieler durch das Sounddesign (Tom Faber) und die Beleuchtung (Delia Nass). Geschickt eingesetzt erzeugen metallisch-dröhnende Klänge und ein immer wieder aufflammendes Flutlicht schon vor Beginn der ersten Szene eine bedrohliche Atmosphäre.

Ob die Einführung einer Gerichtsbarkeit tatsächlich immerwährenden Frieden bedeutet, zieht die Inszenierung übrigens stark in Zweifel. Dem Sprechchor „Friede für immer” folgt ein Stimmengewirr vom Band, zerrissen von dumpfen Geräuschen, die wie Bombeneinschläge klingen, Friede für immer? Das Theaterlabor ist skeptisch.

Weitere Aufführungen sind am 10., 11. und 18. Mai, jeweils um 19.30 Uhr in der Galeria Classica. Mehr dazu im Internet auf www.theater-marburg.de

von Vera Zimmermann

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