Volltextsuche über das Angebot:

29 ° / 17 ° wolkig

Navigation:
Lebensmüde Schafe am Abgrund

Sheep Stories beim Kabarettherbst Lebensmüde Schafe am Abgrund

Ein Erzähler namens Wolf, den Schafe als Messias auserkoren haben, ein leeres Aquarium und eine Taschenlampen-Technikerin im Publikum - damit startete der Kabarettherbst im KFZ.

Voriger Artikel
Blitzer bremsen Verkehr auf der B 3
Nächster Artikel
1. Marburger Sundown Music Festival

Erzähler Wolf Malten und Puppenspielerin Simone Frömming mit einem ihre kleinen, manchmal lebensmüden Helden.Foto: Nadja Schwarzwäller

Marburg. „Sheep Stories“ (Schafgeschichten) waren zum Start des Marburger Kabarettherbsts am Mittwoch im KFZ angekündigt, ein „skurriler Spaß, very british“, mitsamt dem Hinweis: „Englisch kein Hindernis“.

In der Tat dürfte es fürs Verständnis der „Suicidal Sheep Jubiläumstour“ des Lübecker Wasser-Marionetten-Theaters hinderlich sein, kein Englisch zu können. Ob es nun aber an mangelnden Sprachkenntnissen lag oder daran, dass ihnen das, was sie hörten (und sahen), nicht gefiel - jedenfalls waren einige der 90 Zuschauer, offenbar „not amused“. Nach der Pause blieben einige zuvor besetzte Plätze leer. Die verbliebenen Zuschauer belohnten die „Sheep Stories“ zum Schluss aber mit ordentlichem Applaus.

Los geht es mit einer inszenierten Panne: Lichttechnik-Schaf Elvis ist nicht an seinem Platz. „Very professional“ wird aber improvisiert. Und Elvis taucht später wieder auf. In einem Briefumschlag dem Theater zugesandt, nachdem er am Abend zuvor mit Japanern und Finnen in einem Hotel gefeiert hat, vom Erzähler des Programms dann unwissentlich ins Jenseits befördert und mit einem Elektroschock aus dem Kabel der E-Gitarre wiederbelebt.

Elvis‘ Abwesenheit erfordert den Einsatz eines Freiwilligen aus dem Publikum: Nadine wird zum „Taschenlampen-Techniker, ebenfalls „very professional“, versteht sich.

Dass die Geschichten der Schafe zum größten Teil auf Englisch erzählt werden, hat seinen Grund: Es handelt sich um britische Schafe. Und die haben sich den Erzähler, der passenderweise Wolf heißt, als Messias ausgesucht. Und nun ist er also unterwegs, um „the most sad story“ oder „the most philosophical story“ in der Welt zu verbreiten.

„Misses Frömming“ ist die Puppenspielerin, die die Schafe an Fäden zum Leben erweckt. Eins davon will unbedingt sterben und allein diese Geschichte enthält so viele grandios kuriose Wendungen, dass über die Auswirkungen des Konsums von Earl Grey-Tee auf ihre Erfinder spekuliert werden darf. Medizinstudenten der Marburger Uniklinik (die sich um den Leoparden kümmern müssen, den das lebensmüde Schaf bei seinem Fall von einem Sprungturm über einem leeren Aquarium erschlagen hat) kommen ebenso vor wie weitere clevere kleine Anspielungen auf Marburg. Ein kleiner Seitenhieb auf die Nachbarn aus Gießen inklusive.

Eigentlich arbeiten Simone Frömming und Wolf Malten vom Lübecker Wasser-Marionetten-Theater ohne Sprache und mit großen Wasserbecken, wie Malten am Ende der Vorstellung dem Publikum erzählte.

Und auch bei den „Sheep Stories“ spielt immerhin eine Geschichte im Wasser, nämlich wenn „Sheep Columbus“ - eigentlich nur der Bruder des berühmten Entdeckers - zu seiner Reise aufbricht. Und Vitamine sein Boot versenken. Dieses Programm sei entstanden, weil das Team auf ein Festival nach Finnland eingeladen war - und niemand berücksichtigt hatte, dass die beiden mit 12 Tonnen Gepäck hätten reisen müssen.

Auf die Idee von „Sheep Stories“ haben sie die Schafe gebracht, die sie bei ihrem Umzug aufs Land als „ganz reizende Genossen“ kennengelernt hätten - nachdem sie ihnen zuvor nur in der Tiefkühltruhe vertraut gewesen seien.

von Nadja Schwarzwäller

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Marburg