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Laut und derb – dem Publikum gefällt‘s

Comedy Laut und derb – dem Publikum gefällt‘s

„Sonderschüler“ heißt das aktuelle Programm der Frankfurter Comedians, mit dem sie seit September 2009 die Republik bespielen. Am Freitag kam sie nun endlich nach Marburg.

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Ande Werner (links) und Lars Niedereichholz, besser bekannt als Comedy-Duo „Mundstuhl“, alberten sich in der Marburger Stadthalle durch ihre Show „Sonderschüler“.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Comedians haben es nicht leicht. Zumindest wenn sie in die Jahre kommen und es darum geht, neue Themen ausfindig zu machen – und sie die Weiden gängiger Klischees bereits zur Genüge abgegrast haben.

Mundstuhl weidet inzwischen seit zwölf, bald dreizehn Jahren. Doch Glück sei Dank, seit Pisa-Studie und Rütli-Schule in Berlin-Neukölln mimt die Jugend ein neues Opfer für die deutschen Humordienstleister. Und auch Lars Niedereichholz und Ande Werner nehmen sich ihrer in ihrem aktuellen Programm gerne an.

„Sonderschüler“ heißt es und spielt mit den gängigen Vorurteilen gegenüber der Generation „Import-Export Handy“. Verblödet ist die Jugend von heute, verzogen und latent gewaltbereit. Eben ganz anders als noch in den Kindertagen von Lars und Ande.

Während sie noch auf „klapprigen Klapprädern“ die steilen Gipfel zur nächstgelegenen Schule erklommen, lassen sich Justin, Kevin und Co. mit ihren prall gefüllten Schultüten von Mami und Papi zur Einschulung kutschieren. Und doch, das Schülerleben heute ist nicht nur „eitel Sonnenschein“. Schwierige Probleme belasten die Leistungsträger von Morgen. Mit wie viel Backpulver muss Mehmet sein Heroin strecken, wenn er es mit 40 Prozent Profit verchecken möchte? Wenn zu Alis Gang zwölf Mädchen gehören, wieso schwängert er dann nur vier von ihnen? „Ist der impotent?“ fragen sich da die Ikonen der „Kanak Sprak“ – Dragan und Alder – stellvertretend für ihre Altersgenossen.

Sich nach so langer Zeit im Geschäft und einem so breitgefächerten Repertoire an Sketchen und Figuren auf nur ein einziges Thema beschränken, das mochten die Frankfurter Komiker dann aber doch nicht. „Sonderschüler“ gleicht zu weiten Teilen mehr einer lose an gängigen Klischees entlang hangelnden Sozialstudie über die deutsche Unterschicht denn einer gezielten Beschäftigung mit Freud und Leid der modernen deutschen Schülerschaft. Das Thema Schule verkommt zur Klammer, die das Arrangement altbekannter Protagonisten und Witze notdürftig unter einem Hut versammelt.

Während die Auftritte des arbeitslosen Chauvinisten Andi und der alleinerziehenden ostdeutschen Mütter Peggy & Sandy noch die desaströsen Familienverhältnisse und den Verstand verdampfenden Alltag potenzieller Amokläufer behandeln, haben ausgerechnet die spärlich gesäten Neuerungen, wie etwa „Amazing Products“ – eine Parodie amerikanischer Dauerwerbeformate – oder musikalische Ehrerbietungen an die Adresse von Günter Strack und Johann Lafer, wenig bis gar nichts mit dem zu tun, was die Programmvorschau versprochen hatte.

Sei‘s drum. Roter Faden hin, zusammenhängende Rahmenhandlung her. Die Zuschauer in der nahezu ausverkauften Stadthalle Marburg hatten ihren Spaß. Derber schwarzgefärbter Humor am Rand der Schamgrenze, das war es, wonach es das Publikum gelüstete, und das war es auch, was sie von Mundstuhl geboten bekamen.

„Arschloch, Fotze, Scheiße … Hitler!“ Als Tick & Tourette die Bühne enterten und Lars und Ande als Weltverbesserer Torben und Malte von der Aktionsgruppe „No Pressure“ ein überdimensioniertes Genital ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückten, bebte der Saal vor Lachen. Und selbst die abgebrühten Echo-Preisträger hatten es in diesen Momenten sichtlich schwer, die Contenance zu wahren.

„Sonderschüler“ – das ist klassischer „Mundstuhl“. Die Pointen steuern zielsicher auf Regionen unterhalb der Gürtellinie, getreu dem selbstauferlegten Motto „Satire darf alles“. Das ist brüllend komisch, kann in der geballten Form einer zweistündigen Vorstellung aber auch ermüden.

Aber selbst der nicht ganz so hartgesottene Humorliebhaber findet hierunter auch funkelnde Unterhaltungsperlen. Der Kauf der CD ist deshalb allemal eine Alternative.

von Tobias Bischoff

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