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Marburg Landestheater feierte Premiere
Marburg Landestheater feierte Premiere
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00:18 01.03.2019
Die Verlobung von Fräulein Schneider (Chris Nonnast, links) mit dem jüdischen Obsthändler Schultz (Sven Brormann, Mitte) scheitert an den Nazis.  Quelle: Jan Bosch
Marburg

Nach 23 Jahren ist das Kultmusical „Cabaret“ aus dem Jahr 1966 wieder am Hessischen Landestheater zu sehen. Intendantin und Regisseurin Carola Unser fährt für Marburger Verhältnisse ganz groß auf: Mit 13 Darstellerinnen und Darstellern und einer fünfköpfigen Live-Band bringt sie das bis heute auch politisch ungemein aktuelle Musical auf die Bühne. Es geht um Rassismus und Antisemitismus.

Es glitzert allenthalben auf der großen Bühne des Erwin-Piscator-Hauses. Jörn Fröhlich hat eine blinkende Bühnenlandschaft mit einer breiten Showtreppe, leuchtend roten und dunkel glänzenden Vorhängen entwickelt und gemeinsam mit Cansu Incescu unglaublich viele Kostüme entworfen.

Und weil Regisseurin Carola Unser in ihrer einerseits unglaublich bunten, teilweise schrillen und andererseits zugleich sehr nachdenklichen Inszenierung zumindest im ersten Teil mächtig aufs Tempo drückt, kommen auf die Requisite und Umkleide hinter der Bühne Schwerstarbeit zu.

„Willkommen, Bienvenue, Welcome“: Kaum steigt der Conférencier (großartig: Ben Knop) breit lächelnd die Showtreppe hinab, geht es Schlag auf Schlag.

Von der Kit-Kat-Kapelle, bestehend aus Sven Demandt, Veronika Hanrath, Andreas Jamin, Christian Keul und Jürgen Sachs souverän begleitet, folgt Hit auf Hit wie „Money, Money“, „Two Ladies“, „Heirat“ oder „Cabaret“. John Kander hat großartige Musik komponiert mit Elementen aus Ragtime und Jazz, die an die Musiker und insbesondere an die Sängerinnen und Sänger hohe Anforderungen stellt.

Gesungen werden die Songs mal auf deutsch, mal auf englisch, wobei dann zumindest der zentrale Inhalt geschickt auf der Bühne eingeblendet wird.

Neben Knop bringen insbesondere die Kit-Kat-Girls Mechthild Grabner, Lisa Grosche, Artur Molin und Simon Olubowale (ja, es sind zwei Männer in Strapsen und Corsagen dabei) Tempo und frechen Witz auf die Bühne.

Im ersten Teil ist die Welt im Kit-Kat-Klub scheinbar noch in Ordnung – auch weil niemand die Zeichen sehen will. Man feiert und tanzt ausgelassen im Berlin des Jahres 1929. Politik? Langweilig. Regisseurin Unser setzt in diesen Momenten auf schnelle, abwechslungsreiche Slapstick-Szenen und mitreißene Choreographien, für die es immer wieder Applaus gibt.

Und doch legt sich zunehmend ein Schatten auf den Klub und die Party-Gemeinde. Mit einem Nazi-Lied, das verführerisch schön in einer volksliedhaft anmutenden Stimmung daherkommt, endet der erste Teil mit einem sorgfältig gesetzten Schockmoment und erstickt jede Partystimmung im Publikum und im Kit-Kat-Klub.

Regisseurin Unser legt mit einem Kunstgriff eine abrupte Vollbremsung hin, macht aus dem zweiten Teil einen beklemmend düsteren Abgesang auf eine freie Gesellschaft. Die bunten Kostüme verschwinden, die Stimmung ist gedeckt, bedrohlich, aggressiv.

Im Zentrum stehen zwei Liebesgeschichten, beide wunderbar zart ausgespielt: die des Amerikaners Cliff Bradshaw (Christian Simon) mit der verführerischen Nachtclubsängerin Sally Bowles (Jorien Gradenwitz) und die von Fräulein Schneider (Chris Nonnast) zu dem jüdischen Obsthändler Schultz (Sven Brormann).

Längst machen sich die Nazis breit. Sogar die Hure Fräulein Kost (Victoria Schmidt) sieht ihren Beruf als vaterländische Pflichterfüllung, wenn sie einen Matrosen nach dem anderen bedient.

Beide Liebesgeschichten scheitern, die des Schriftstellers Bradshaw mit Sängerin Sally an Sprachlosigkeit und Unverständnis, die von Fräulein Schneider mit dem Juden Schultz aus Angst vor den Nazis, denen Camil Morariu und Daniel Sempf in einer kleinen Rolle gruselig Gestalt verleihen.

Das Ensemble hat das schwierige Musical mit seinen anspruchsvollen Songs über weite Strecken eindrucksvoll gemeistert. Deutlich wird auch die Intention von Regisseurin Unser mit Blick auf die Gegenwart: Wehret den Anfängen.
Die anschließende Premierenparty war sehr gut besucht. Viele Gäste kamen stilecht in 20er-Jahre-Kleidung.

  • Weitere Vorstellungen am Samstag, 2. März im Bürgerhaus Biedenkopf, ­sowie am 20. und 21. März, am 14. und 26. April sowie am 11. und 17. Mai im Erwin-Piscator-Haus.

von Uwe Badouin