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Marburg Lachen über deutsche Befindlichkeiten
Marburg Lachen über deutsche Befindlichkeiten
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18:01 26.04.2012
Nach „Russendisko“ ist Wladimir Kaminer jetz mit „Liebesgrüßen aus Deutschland“ auf Lesereise.Foto: Mareike Bader Quelle: Mareike Bader
Marburg

Wladimir Kaminer ist ein sehr fleißiger Mann. Der 42-Jährige ist ständig auf Reisen und wird auch oft ins Ausland eingeladen, um Werbung für die deutsche Kultur und für die moderne deutsche Literatur zu machen. Er war in Portugal, auf der Buchmesse in Mexiko, wurde von drei Universitäten nach Singapur eingeladen und war gerade erst in St. Petersburg bei der Deutschen Kulturwoche, um dort als emigrierter Russe für Deutschland zu werben.

Manche werden sich fragen, wo die Zeit zum Schreiben bleibt. Das scheint allerdings nebenher zu passieren. Zur Lesung im Cineplex hatte er neben seinem neuen Buch „Liebesgrüße aus Deutschland“ auch mehrere neue Texte dabei.

Eigentlich wollte der gebürtige Moskauer nicht noch einmal die gleichen Texte vorlesen wie bei seinem letzten Besuch im September 2010.

Das Publikum wünschte sich trotzdem wieder Geschichten wie die des Sparkassen-Beraters, der sich lieber im Raucherbereich einer Kneipe trifft und „aus persönlicher Erfahrung“ von seinen Finanzprodukten abrät. Die einzig sichere Möglichkeit seien Schließfächer und die seien alle belegt zum Beispiel von einem alten Mann, der in seinem Kästchen Schoko-Goldmünzen hatte, um seine Erben zu ärgern.

Der jüngste Text des Abends war allerdings erst ein paar Stunden alt. Vor 25 Jahren, am 28. Mai 1987, landete Mathias Rust mit seiner Cessna 172 P in der Nähe des Roten Platzes in Moskau. Genau wegen dieses Jubiläums häufen sich bei Wladimir Kaminer die Anfragen und sinnierte der Schriftsteller, der in der Sowjetunion aufwuchs, über die Reisemöglichkeiten damals und wie sie sich bis heute verändert haben. Früher habe man sich die Reiseziele im Westen wie eine Art Utopia vorgestellt und nun fliege man seit 20 Jahren und suche diesen Traum. Aber man finde nur leere Flaschen, so wie die Pfandfinder in Berlin, die Kaminer beim Deutschen Kirchentag mit den Pfadfindern verwechselte, weil es das Wort „Pfadfinder“ auf Russisch nicht gibt und er es bis dahin nicht kannte.

Die Geschichte vom Kirchentag und den Pfadfindern, die den richtigen Pfad und kein Pfand suchen, sowie den jungen Christen, die auch ohne Licht und Musik wie verrückt tanzen, sorgte für einige Lachkrämpfe im Publikum. Kaminer-Fans wussten ohnehin,was sie erwartet und hatten sich für einen lockeren Abend mit Popcorn und Cola ausgestattet. Ein Lacher folgte dem anderen - egal ob Kaminer aus seinen Büchern las oder einfach nur plauderte.

Und sollte Kaminer einen der Anmachsprüche von Jungs aus der Schule seines Sohnes beim Marburger Publikum anwenden wollen und fragen: „War es Liebe auf den ersten Blick oder soll ich zur Sicherheit nochmal vorbeikommen?“ - dann ist die Antwort ganz einfach „Ja!“.

von Mareike Bader