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Kinder schreiben mit Profis eine Oper

Astrid-Lindgren-Schule Kinder schreiben mit Profis eine Oper

Es ist ein in dieser Form wohl einmaliges Projekt: Kinder der Astrid-Lindgren-Schule am Richtsberg schreiben gemeinsam mit Profis eine Oper.

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Die jungen Komponistinnen und Komponisten aus der Klasse 3/4 S der Astrid-Lindgren-Schule ­arbeiten gemeinsam mit den Profis Jonathan Weiss (vorne, von links), Enke Eisenberg, Maxim ­Selonjanov und ihrer Lehrerin Birgit Küllmer an einer Oper.

Quelle: Uwe Badouin

Marburg. Wie bringt man Kindern an einer sogenannten Brennpunktschule Opern ­nahe? Oder Instrumente wie Bass­flöten, Tuba oder Posaune? Wie können die Kinder, die von Musiknoten keine Ahnung haben, eine Oper schreiben?

„Das ist wie bei Erwachsenen, die keine Noten kennen, aber Musik schreiben wollen“, sagt der österreichische Komponist Maxim Selonjanov. Wie also? „Wir nutzen eine grafische Notation.“ Also grafische Elemente wie Wellen, Bögen, Punkte und Striche für schnell und langsam, hoch und tief, laut und leise oder für Geräusche.

Ausgedacht hat sich das Projekt Enke Eisenberg. ­Marburger kennen die Opernregisseurin und Dramaturgin als Mitbe­gründerin des Vereins ­musica europa, der in Marburg die (Opern-)Schlossfestspiele etabliert hat, bis ihm in diesem Jahr von der Stadt die Mittel gestrichen wurden.

Bei den ­Schlossfestspielen wurde bisher immer eine ­Kinderoper aufgeführt. Das Schlossgespenst Elisabeth steht auch bei dem Opernprojekt an der Astrid-Lindgren-Schule im Mittelpunkt: „Das Schlossgespenst und der Hartholzrüpel“ heißt die Oper, die die gut 20 Kinder der Klasse 3/4 S der Astrid-Lindgren-Schule am Richtsberg gemeinsam mit den Profis vertonen werden. Das Libretto – also der Text – liegt bereits vor. Den hat Enke Eisenberg gemeinsam mit dem ­Marburger Carsten Eidam geschrieben.

Stuhlkreis um einen Birnenberg

Jetzt geht es „nur“ noch um die Noten. Etwa 20 Minuten müssen vertont werden. Wie aufwendig das ist, zeigt ein Blick in die Klasse von Birgit Küllmer, die als Sängerin des „Marburger Oktetts“ selbst einen musikalischen Hintergrund hat. Angereist sind Enke Eisenberg aus Hannover, Maxim Selonjanov aus Wien; und der in Frankfurt lebende Israeli Jonathan Weiss hat seine glänzende Bassflöte mitgebracht, das Instrument, das sich die Kinder gewünscht hatten. Die Opernsängerin Eva Resch aus Hamburg war schon da, der Rapper „Becks“ aus Köln wird noch kommen.

Die Kinder hocken im Stuhlkreis, auf einem Tisch liegt ein Berg Birnen. Obst tut gut, die Kleinen greifen immer wieder zu. Vor ihnen auf dem Boden liegen Blätter mit merkwürdigen Symbolen. Der Buchstabe „P“ ist dort zu sehen, ein Kreis mit einem Strich, ein Zeichen, das an das „Enter“ einer Computertastatur erinnert, Zick-Zack-Wellen und ein „Sch…“. Es sind Symbole für Geräusche, die ein Musiker vom Frankfurter Ensemble modern wie Jonathan Weiss auf Abruf spielen kann. Die Kinder komponieren damit, wählen aus, welches Geräusch zu einem „Ahhhh“ passen, wie man „gehen“ oder das Wort „Mör-der“ musikalisch ausdrücken könnte, denn der Rüpel Pinocchio hat in der Oper eine kleine Spinne totgetreten.

Die Opernprofis gehen mit Tohuwabohu gelassen um

Die Kinder im Alter von etwa 8 bis 11 Jahren legen die Illustrationen über den Text, den sie vertonen sollen, und Jonathan Weiss spielt geduldig und gekonnt jedes Geräusch. Immer wieder schnellen Finger hoch, jeder will sich versuchen. Es gibt kein Falsch, kein Richtig. Nur das Gehör. Wenn etwas nicht stimmig klingt, werden die Symbole in eine neue Reihen­folge gelegt – aber nur, wenn die Kinder das wollen.

Das scheint auf den ersten Blick mühsam und aufwendig, für die Opernprofis aber, die mit dem Tohuwabohu sehr gelassen umgehen, ist es unglaublich spannend. Und die Kinder ziehen mit, auch wenn die Aufmerksamkeit nach vier Stunden doch etwas nachlässt.

„Unser Ziel ist: Jeder ist an der Oper beteiligt“, sagt Enke Eisen­berg über ihr internationales und interkulturelles Projekt. Denn nicht nur die Musiker haben einen internationalen Hintergrund. 80 bis 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler an der Astrid-Lindgren-Schule haben einen Migrationshintergrund. Mit Oper und zeitgenössischer Musik werden sie in ihrem Alltag normalerweise nicht konfrontiert.

Wenn alles gut geht, wird die Oper noch vor Weihnachten konzertant in der Schule uraufgeführt. Finanziert wird das Projekt über den „Kultur­koffer“ vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst. Auch die Stadt Marburg und die Sparkasse unterstützen das ungewöhnliche Vorhaben.

Enke Eisenberg hofft, dass auch der zweite Workshopteil unterstützt wird. Damit verbunden wären szenische Proben an der Schule und letztlich eine komplette Opernaufführung mit Kostümen, Sängern und Musikern. Das aber ist noch Zukunftsmusik.

von Uwe Badouin

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