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Kulturgeschichte eines grausamen Verbrechens

Buch über Kindsmord Kulturgeschichte eines grausamen Verbrechens

Man liest leider immer wieder von Frauen, die ihr Kind kurz nach der Geburt töten. Das Thema, so aktuell es zu sein scheint, gibt es schon lange. Damals wie heute stellt sich die Frage: Warum machen Frauen so etwas? Die Marburger Professorin Marita Metz-Becker ist der Frage nachgegangen.

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Marita Metz-Becker mit ihrem Buch.Foto: Mareike Bader

Quelle: Mareike Bader

Marburg. Schon bei ihrer Habilitation 1996 befasste sich Professorin Dr. Marita Metz-Becker unter anderem mit den Gebärhäusern im frühen 19. Jahrhundert. Damals gab es sogenannte „Acchouchierhäuser“, in denen Frauen ihr Kind zur Welt bringen konnten. In Marburg stand in der Straße „Am Grün“ damals eines der frühesten dieser Häuser. Unehelichen Müttern, die dort ihre Kinder zur Welt brachten, wurden oft Strafen erlassen, die ihnen ansonsten wegen unehelichen Beischlafs gedroht hätten. Damals gab es sogar schon Babyklappen. Die erste wurde im 18. Jahrhundert in Kassel errichtet. Die jedoch später wieder geschlossen werden mussten, weil zu viele Frauen nach Kassel reisten, um ihr Baby dort abzugeben.

Das alles hat Dr. Marita Metz-Becker in einem dreimonatigen Forschungsprojekt zusammengetragen. Im Anschluss richtete sie zusammen mit einem Seminar am Institut für europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft ein Symposium im Staatsarchiv Marburg aus. Das Ergebnis dieser interdisziplinären Schau auf den Kindsmord ist das von ihr herausgegebene Buch. Neben der historischen Sicht kommen hier auch Juristen, Hebammen und Sozialarbeiter zu Wort, die sich mit Kindstötungen und Babyklappen in der Gegenwart befassen.

So entsteht ein interessanter Vergleich von der Situation im 19. Jahrhundert und der aktuellen Zeit. In dieser Zeit hat sich sehr viel getan: Verhütung, legale Abtreibung, Adoption, Babyklappe, anonyme Geburt. Es gibt heute viele Möglichkeiten. Trotzdem werden etwa 30 Kindsmorde im Jahr vor Gericht verhandelt - Dunkelziffer ungewiss.

Auch die Rechtsprechung hat sich im Laufe der Jahre gewandelt. Zu Zeiten der Karolinger wurde der Kindsmord noch besonders hart bestraft, weil er gegen die Natur der Frau sei. Lange Zeit drohte den Frauen die Todesstrafe. Mit der Aufklärung kam die Einsicht, dass die sozialen Umstände und die Psyche der Frau mitbetrachtet werden müssen. Der Kindsmord wurde nicht mehr als Verwandtenmord geahndet und die Frauen mussten für 2 bis 15 Jahre ins Gefängnis

In die Texte eingebunden sind zahlreiche Illustrationen mit Bildern von einer Findelstation, einer Babyklappe in Satrup, sowie dem Marburger „Acchouchierhaus“. Besonders ergreifend ist das Ölgemälde „Hunger, Wahnsinn, Verbrechen“, das auch auf dem Titel zu sehen ist. Es zeigt eine scheinbar wahnsinnige Frau, die ein in Tücher eingeknotetes Baby auf dem Schoß hat. Daneben hängt ein Kochtopf, aus dem ein kleines Beinchen herausschaut.

Die Forschung geht für Professorin Metz-Becker auf jeden Fall weiter. Im Staatsarchiv hat sie 100 Kindsmordakten gefunden, die in ihrer Gesamtheit noch nie bearbeitet wurden. Ein großes Projekt, das auf die Ethnologin zukommt, denn die Akten haben jeweils eine Dicke von über 300 Seiten.

Marita Metz-Becker (Hrsg): „Kindsmord und Neonatizid: Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf die Geschichte der Kindstötung“, Jonas-Verlag Marburg, 95 Seiten, 15 Euro.

von Mareike Bader

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