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Marburg Krude, schrullige Comics à la Kaschte
Marburg Krude, schrullige Comics à la Kaschte
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00:18 30.07.2018
Der Marburger Alexander Kaschte, Bandleader von Samsas Traum, hat mit seiner Crowdfunding-Aktion 171 000 Euro gesammelt. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Nach den ersten 30 Tagen hatte Alexander Kaschte mit seiner Crowdfunding-Kampagne 85 000 Euro zusammengesammelt. Sein Ziel, 75 000 Euro, hatte er damit mehr als erreicht (OP berichtete). Aber er war mutig und forderte sein Glück weiter heraus. Der Künstler verdoppelte die Laufzeit und intensivierte den Kontakt zu seinen Fans und Unterstützern. Nach insgesamt 60 Tagen schloss er die Kampagne ab. Der Betrag war gigantisch: 171 000 Euro!

Doch diese Zahl wurde schnell kleiner. Über 30 000 Euro mussten für diverse Steuern ans ­Finanzamt überwiesen werden, 10 000 Euro gingen an Geschäftspartner, die die Veröffentlichung des neuen Musik-Albums abwickeln werden, und die Internetplattform, über die die Crowdfunding-Kampagne lief, forderte 15 000 Euro. Das restliche Geld fließt jetzt in die Produktion und die Herstellung von Kaschtes neuer CD „Scheiden tut weh“ und die Aufnahmen von Samsas Traum-Epos „Tineoidea II“ sowie in neue Bände seiner kruden Comic-Serie Trauma Tales.

Zitat

„Es gibt nichts Schrecklicheres, als dass ich eine Idee verlieren würde.“
Alexander Kaschte

Die Bände eins und zwei sind bereits ausverkauft, Band drei wurde gerade ausgeliefert. Band vier bis neun sollen nun von dem gesammelten Geld entstehen. „Die Comic-Begeisterten ließen sich insgesamt besser motivieren als die Musikfans“, resümiert Alexander Kaschte und ergänzt: „Die CD-Verkäufe waren nicht so prickelnd, weil viele Musik nur noch streamen. Unsere Tonträger wurden damit förmlich abgewatscht.“ Dafür lagen die Fan-Shirts und Pullis gut im Rennen – und eben die Comics, die immer nur in einer 1 000er-Auflage veröffentlicht werden.

Die Comics sind in Bildergeschichten verwandelte Songtexte von Samsas Traum im Stile amerikanischer Horrorcomics. Alexander Kaschte schreibt die Skripte selbst und führt zusätzlich Skizzenbücher. Für eine achtseitige Story braucht er eine Woche.

„Im Script wird genau festgelegt, was in den Einzelbildern zu sehen ist, was passieren soll“, erklärt der Künstler, wie ein Comic entsteht. Von jeder Figur gibt es eine genaue Beschreibung, was Statur, Größe und Haarfarbe angeht – alles sehr detailgetreu. Die Zeichner, die die Ideen des Marburgers umsetzen, sitzen in Indonesien, Russland und Polen, mit ihnen arbeitet Kaschte teilweise schon seit Jahren zusammen. Das Line-Arts, eine fertig getuschte Zeichnung, die nicht koloriert ist, bekommt er als erstes zu sehen. Im zweiten Stadium schicken die Zeichner farbige Seite.

Verleger beim Comic-Salon überzeugt

„Die Comics sind schrullig und krude. Ich packe da viele kranke Ideen rein“, sagt Alexander Kaschte lachend. Die Sprache ist trocken und destruktiv. Sein Gefühlszustand spiele beim Schreiben keine Rolle und sei für seine Comics auch nicht so wichtig – hier geht es ihm nur um Geschichtenerzählen.

Beim Hören seiner Lieder müsse es aber irgendwie „klick“ machen. „Wenn mir beim Anhören sofort Bilder vor meinem inneren Auge aufsteigen, wie ein Songtext als Comic aussehen könnte, dann kommt es auf meine Liste“, erklärt der Marburger, welches Lied in Bilder umgewandelt wird.Pro Buch gibt es immer fünf Geschichten. „Es ist ein bunter Strauß absurder Kurzgeschichten“, fasst Alexander Kaschte grinsend zusammen. 

Und genau mit diesem Blumenstrauß konnte er nicht nur seine Fans überzeugen, sondern auch Verleger. Anfang Juni war Kaschte beim Internationalen Comic-Salon in Erlangen. Dort hat der Marburger mit zwei der größten Verlage sehr positive Gespräche geführt. Auch ­seine Crowdfunding-Aktion habe dort beeindruckt. „Aber ich lasse mir nichts vorschreiben, auch nicht von einem Verlag.“ In den Gesprächen machte er sofort klar:

„Wir gehen immer unseren eigenen Weg. Wenn Verleger damit nicht umgehen können, dann ziehen wir weiter unser Ding in Eigenregie durch. Die Fanbasis und die Infrastruktur haben wir ja.“

Stromausfall im Herzspital heißt eine Geschichte in Band drei. Grafik: Alexander Kaschte

Seine vielen Ideen und Einfälle schüttelt Kaschte „einfach so aus dem Handgelenk. So viel wie in den letzten Jahren ist noch nie an Ideen aus mir heraus gekommen. Aber manchmal leide ich auch ein bisschen unter dem Ideenfluss. Es ist anstrengend, wenn der Kopf keine Ruhe geben will“, sagt Alexander Kaschte.

Die besten Sachen merkt er sich oder schreibt sie sofort auf. Aus dem Handgelenk muss er auch noch alle Texte für das neue Album „Scheiden tut weh“ schreiben. Das gab es so auch noch nie in der Bandgeschichte. „Ich gehe morgens ins Studio, höre die Musik, schreibe in zehn Minuten einen Song und singe ihn in zwei, drei Stunden ein. Abends fahre ich dann mit einem Stück nach Hause, das ich morgens noch nicht kannte. Ich wollte diesmal keine große Wortklauberei betreiben.“ Der Marburger hat ein simples Rezept: Er weiß, worin er gut ist und worin er nicht gut ist. „Und es braucht eben seine Zeit, bis man weiß, was man will.“

Und Alexander Kaschte weiß, was er will. Das neue Album „Scheiden tut weh“ und die Aufnahmen vom Epos „Tineoidea II“ seiner Band Samsas Traum fertigstellen. Der offizielle Release soll über die Plattenfirma laufen, knapp 500 Tonträger in den offiziellen Handel.

Skizzen- und Ideenbuch sind immer dabei

Und seit geraumer Zeit ist die Musik von Samsas Traum auch in Streaming-Portalen. „Ich wollte es ­anfangs nicht, aber man muss einfach mit der Zeit gehen. Da ich in unterschiedlichen Medienbereichen zuhause bin, finanziert meine Arbeit als Autor nun auch meine Musik.“

Jetzt geht es aber erstmal in den Sommerurlaub. Trotz allem Band- und Ideen-Engagement darf die Familie nicht zu kurz kommen. Als Frühaufsteher erledigt Kaschte vieles, bevor seine Frau und die Tochter aufgestanden sind und es das gemeinsame Frühstück gibt. Das wird auch im Urlaub nicht anders sein.

Rechner, Skizzen- und Ideenbuch sind auf jeden Fall mit im Gepäck. „Es gibt nichts Schrecklicheres, als dass ich eine Idee verlieren würde“, sagt Alexander Kaschte, der schon wieder etwas Neues in seinem Kopf hat.

von Katja Peters