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Marburg „Es fällt mir schwer, so lange zu warten“
Marburg „Es fällt mir schwer, so lange zu warten“
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20:01 28.02.2018
Wenn die Angehörigen noch im Kriegsgebiet sind, ist das für Kriegsflüchtlinge sehr belastend, erklären Hebah S. und der Vereinsvorsitzende Benjamin Edinger im OP-Gespräch. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Im November 2014 war für Hebah S. klar, dass sie nicht in Syrien bleiben kann. Ihr Mann sei bereits eineinhalb Jahre vorher festgenommen worden, erzählt die 28-Jährige, später auch zwei ihrer Geschwister. Und die politische Situation führte in der Familie zu Streit. Angehörige ihres Mannes hätten ihr unterstellt, dass sie an seiner Festnahme mitschuldig sei, sagt die Syrerin. „Mir wurde vom Regime und von der Opposition viel Unrecht angetan. Es war so schlimm, dass ich zwei Wochen Beruhigungsmittel nehmen musste.“

Deshalb verließ sie am 15. November 2014 ihren von Kämpfen zwischen Regime und Rebellen zerstörten Stadtteil von Damaskus und flüchtete zusammen mit ihrem Vater zunächst in die Türkei. Ihre beiden Töchter, die heute acht und zehn Jahre alt sind, musste sie wegen des Streits mit der Familie des Mannes zurücklassen: „Sie haben gesagt, dass die Kinder nicht mehr zu mir gehören“, sagt sie traurig. Die Verwandten hätten sie sogar körperlich angegriffen.

Anfang 2016 kam S. in Deutschland an, nach einer langen und gefährlichen Flucht über das Mittelmeer und den Balkan. In der Türkei arbeitete die ­gelernte Krankenschwester einige Zeit als Putzfrau und Pflegerin, um die Reise nach Europa bezahlen zu können. Ihr Vater sei getötet worden, als er nach Syrien zurückkehrte, um Dokumente für ihre Flucht zu holen, erzählt sie. Was mit ihrem Mann passiert ist, weiß sie nicht: „Ich habe seit seiner Verhaftung vor fünf Jahren keine Informationen mehr bekommen.“

Spracherwerb leidet unter der Sorge um die Familie

Heute lebt Hebah S. in Marburg. Zu ihren Töchtern ­habe sie ab und zu Kontakt, wenn die Telefonverbindung funktio­niert, erzählt sie. Sie macht sich große Sorgen um die Kinder. „Der Stadtteil wird immer wieder vom Regime angegriffen.“ Durch diese Belastung falle es ihr auch schwer, Deutsch zu lernen, sagt die Syrerin, die ihre Geschichte mit Hilfe einer Übersetzerin erzählt.

Wie ihr geht es vielen Kriegsflüchtlingen. „Die meisten Geflüchteten sind ohne Kinder nach Deutschland gekommen, weil der Fluchtweg lebensgefährlich ist“, erklärt Benjamin Edinger. Er ist der Vorsitzende des Vereins „Asylbegleitung Mittelhessen“, der Flüchtlingen wie Hebah S. bei der ­Integration hilft. Der Verein bietet zum Beispiel Sprachkurse an, hilft Asylsuchenden, sich in Deutschland zurechtzufinden, und vermittelt Rechtsberatung.

„Die Sorge geflüchteter Menschen um ihre Familienangehörigen ist enorm“, sagt Edinger. „Es ist deshalb extrem schwierig für sie, sich auf den Spracherwerb zu konzentrieren.“ ­Ihre Hoffnung setzen viele Flüchtlinge auf den Familiennachzug. „Das ist die einzige Möglichkeit, als Flüchtling legal einzureisen“, erklärt Edinger. „Und das gilt nur für die Kernfamilie, also für Ehepartner und minderjährige Kinder, bei Minderjährigen auch für die Eltern.“

Doch diese Möglichkeit, Ehepartner und Kinder legal nach Deutschland zu holen, besteht seit März 2016 für viele Flüchtlinge nicht mehr. Wer nicht als politisch verfolgt gilt, sondern zum Beispiel aus einem Kriegsland geflüchtet ist, bekommt kein Asyl, aber den so genannten subsidiären Schutz. Das gilt auch für Hebah S., die seit Mai 2017 offiziell diesen Status hat. Für Flüchtlinge mit subsidiärem Schutz ist der Familiennachzug seit fast zwei Jahren ausgesetzt.

Diese Regelung, die im März 2018 ausgelaufen wäre, hat der neue Bundestag sogar noch verlängert – bis Ende Juli. Vor allem die CSU hatte gewarnt, wenn der Familiennachzug wieder uneingeschränkt möglich werde, könnten ­hunderttausende Flüchtlinge zusätzlich ­kommen. Experten gehen allerdings von deutlich niedrigeren Zahlen aus. Edinger findet es skandalös, dass gerade die Angehörigen von Kriegsflüchtlingen nicht legal nach Deutschland kommen dürfen: „Den Familien­nachzug bei dieser Gruppe zu beschränken bedeutet, willentlich Familien in Kriegsgebieten zu lassen.“

Wenn es zur Neuauflage der großen Koalition im Bund kommt, soll sich das ändern. Laut Koalitionsvertrag wollen Union und SPD ab August den Familiennachzug für subsidiär geschützte Flüchtlinge wieder ermöglichen – allerdings in engen Grenzen. Pro Monat sollen maximal 1.000 Familienangehörige nach Deutschland kommen dürfen. Hinzu kommt eine Härtefallregelung, die es aber jetzt schon gibt. Wenn zum Beispiel ein Kind schwer krank ist und im Heimatland medizinisch nicht versorgt werden kann, besteht die Chance auf Familiennachzug. Im vergangenen Jahr profitierten von dieser Klausel nicht einmal 100 Menschen.

Kreis erwartet weniger als 100 zusätzliche Nachzügler

Wie viele Flüchtlinge durch die geplante Familiennachzugs-Regelung zusätzlich in die Region kommen würden, kann auch die Kreisverwaltung derzeit noch nicht einschätzen. Wie der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow (CDU) auf Anfrage mitteilt, „spricht vieles dafür, dass die Zahl deutlich unter hundert Personen im Jahr liegt“.

Wenn die Verteilung ungefähr den üblichen Verteilungsschlüsseln entspreche, kämen von den 1.000 Menschen etwa vier bis fünf in den Landkreis. „Wenn der Familiennachzug sich in den genannten Größen­ordnungen bewegt – und dabei auch die Grundregel eingehalten wird, dass Familiennachzug in der Regel nur gestattet wird, wenn auch die Wohnraum­frage geklärt ist –, dürfte die Zahl der zu bearbeitenden Familiennachzüge sogar im Vergleich zu 2015/2016 eher geringer werden“, sagt Zachow.

Dass die geplante große Koalition den Familiennachzug auch für Kriegsflüchtlinge wieder ­ermöglichen will, ist aus Edingers Sicht zwar gut, aber „kein Grund, groß zu feiern. Man sollte in Erinnerung behalten, dass mit der Einschränkung des Familiennachzugs ein bestehendes Recht abgeschafft wurde.“ Zudem ist noch unklar, wie gesetzlich geregelt wird, dass pro Monat maximal 1.000 Familien­angehörige einreisen dürfen. „Ich frage mich, wer diese 1.000 Menschen aussucht und nach welchen Kriterien“, sagt Aliyah El Mansy, die beim Verein „Asylbegleitung Mittelhessen“ Flüchtlinge berät.

Ohnehin ist es für die Flüchtlinge kompliziert, ihre Angehörigen nach Deutschland zu holen. „Ich habe einen Termin bei der Botschaft in Beirut beantragt, aber noch keinen bekommen“, erzählt Hebah S. Das ist der erste von vielen Schritten, und selbst der war bis vor kurzem nicht möglich, erklärt Aliyah El Mansy.

Weil der Familiennachzug demnächst wieder möglich sein soll, können Flüchtlinge mit subsidiärem Schutz seit Januar wieder Termine bei den Botschaften beantragen. Bis zu einem Termin könne es sechs bis neun Monate dauern, bis zur Erteilung eines Visums weitere drei bis sechs Monate, sagt El Mansy. Für die Flüchtlinge ist das eine quälend lange Zeit. „Es fällt mir schwer, so lange auf meine Töchter zu warten“, sagt Hebah S.

Damit ihre Töchter ausreisen können, muss sie einem Erwachsenen in Syrien eine beglaubigte Vollmacht erteilen, damit dieser die Kinder in der Botschaft vertreten darf. Der Bevollmächtigte und die Kinder müssen dann in den Libanon reisen, weil die deutsche Botschaft in Damaskus geschlossen ist, erklärt El Mansy.

Flüchtlinge müssten in Deutschland zudem rechtzeitig eine größere Wohnung finden, damit der Nachzug genehmigt wird. Und auch die Flüge müssen bezahlt werden. Immerhin erstatten Wohlfahrtsverbände den Flüchtlingen einen Teil der Kosten, wenn sie sich an eine Beratungsstelle wenden. Auch der Verein „Asylbegleitung Mittelhessen“ unterstützt den Familiennachzug von Geflüchteten mit Spendengeldern. „Weil es so kompliziert ist, sind unsere Beratungsangebote so wichtig“, sagt El Mansy.

Anker-Zentren für Flüchtlinge sind umstritten

Der Familiennachzug ist aus Sicht von El Mansy und Edinger ein wichtiger Beitrag zum Gelingen von Integration. „Durch Kindergarten und Schule kommen Geflüchtete viel stärker in Kontakt mit anderen Menschen, als wenn sie allein hier leben“, sagt El Mansy. Kritisch sehen die Asylbegleiter indes den Plan der potenziellen Koalitionäre, Asylsuchende künftig bis zu 18 Monate in Aufnahme-, Entscheidungs- und Rückführungseinrichtungen (Anker) unterzubringen.„Das bedeutet konkret, dass Menschen von der Gesellschaft ausgeschlossen werden“, kritisiert Edinger. „Es ist der Versuch, ein Problem unsichtbar zu machen, obwohl weltweit die Zahlen von geflüchteten Menschen steigen.“

Aus Sicht des Landkreises spricht dagegen einiges für die Anker-Zentren. Es sei zwar schwer vorherzusagen, ob dadurch die Kommunen entlastet würden. Aber: „Ein vergleichbares Verfahren hat sich zumindest bei den Flüchtlingen aus den Herkunftsländern auf dem Balkan in vergangenen Jahren bewährt und ist sicherlich ein – auch für die Betroffenen – vorteilhaftes Verfahren“, sagt Zachow.

Laut Koalitionsvertrag wollen Union und SPD auch die Integration besser bündeln – nach dem Grundsatz „Fördern und Fordern“. Edinger sagt dazu, er wünsche sich, „dass zuerst der Aspekt des Förderns ernst ­genommen wird“.
Für Hebah S. steht fest, dass ihre Zukunft nicht in Syrien ist. „Es ist zu schlimm, was mir ­angetan wurde.“ Sie hofft, dass die Familie zustimmt, dass die Töchter zu ihr nach Deutschland kommen dürfen. Und auch wenn die Politik monatlich nur 1.000 Familienangehörige nach Deutschland einreisen lassen will, klammert sich Hebah S. an die Hoffnung auf den Familiennachzug: „Ich hoffe es zu tausend Prozent“, sagt sie.

von Stefan Dietrich