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Marburg Privat oder gesetzlich: Wer hat Vorfahrt?
Marburg Privat oder gesetzlich: Wer hat Vorfahrt?
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20:30 23.02.2019
Gesetzlich oder privat versichert? Von der Antwort hängt nach wie vor einiges ab.  Quelle: Patrick Pleul
Marburg

„Nachfolgend zwei eilige Informationen des PriMa-Vorstands”, beginnt das Schreiben, das Dr. Hartmut Hesse herumschickte. Hesse ist Hausarzt in Marburg und Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft PriMa, der etwa 80 Prozent der im Kreis niedergelassenen Ärzte angehören.

In dem Schreiben äußert Hesse den Verdacht, dass Sozialwissenschaftler die hiesigen Arztpraxen ins Visier genommen haben, dass Studierende Termine vereinbaren, um herauszufinden, ob privat Versicherte schneller zum Zug kommen als gesetzlich Versicherte. Vermeintlich im Fokus: Frauen- und Hausärzte.

Das Schreiben mündet in dem Vorschlag, gesetzlich Versicherten in den kommenden Wochen schneller Termine zu geben als Privatpatienten. „Das wäre doch mal eine wissenschaftlich herausragende Arbeit!”, schreibt Hesse. Und spätestens ab da ist klar: Der Vorschlag ist nicht ganz ernst gemeint.

Studien zeigen: Versicherungskärtchen kann entscheiden

Auf OP-Nachfrage bestätigt Hesse: „Das ist meine Art von Ironie.” Ihm sei es vor allem um den Hinweis an die Kollegen gegangen: „Da werden wir überwacht; wundert Euch nicht, wenn Patienten nicht zu vereinbarten Terminen erscheinen.” Alles Weitere sei ein Scherz unter Kollegen gewesen.

Sagt er. Oder schwingt da vielleicht doch die Sorge mit, dass der Ruf der Ärzte Schaden nehmen könnte, wenn bei der Studie herauskäme, dass Ärzte Privatpatienten bevorzugen, weil sie für den Arzt lukrativer sind? Wenn also herauskäme, dass Ärzte nicht nur auf die Gesundheit ihrer Patienten achten, sondern auch aufs Geld? Dr. Hesse verneint. Und genau genommen wäre die Sorge auch unbegründet. Denn solche Studien gibt es bereits zuhauf.

Prima-Vorsitzender Dr. Hartmut Hesse. Quelle: Katharina Kaufmann-Hirsch

Ein Beispiel ist die Patientenbefragung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) aus dem Jahr 2018. Sie kommt zu dem Schluss, dass das Versicherungskärtchen durchaus entscheidend sein kann bei der Frage, wie lange man auf einen Termin beim Arzt warten muss. Und das gilt insbesondere für Termine beim Facharzt (siehe Grafik). 34 Prozent der Kassenpatienten gaben da an, dass sie sich mehr als drei Wochen gedulden mussten, aber nur 18 Prozent der Privatpatienten.

Manche sprechen ob solcher Zahlen von einer Zwei-Klassen-Medizin. Petra Bendrich, Sprecherin der KV Hessen, widerspricht. Erstens würden akut schwer erkrankte Personen immer zeitnah medizinisch versorgt, unabhängig von ihrem Versichertenstatus, sagt sie. Zweitens gebe es bei der medizinischen Behandlung keinen Unterschied zwischen Kassen- und Privatpatienten.

Brendich: Unterschiede im Service sind nachvollziehbar

Dass es Unterschiede in den Wartezeiten gibt, streitet Bendrich nicht ab. Im Gegenteil. Unterschiede in Komfort und Service seien nachvollziehbar, sagt sie. Denn die von gesetzlichen Krankenversicherungen­ ­gezahlten Honorare seien in vielen Fällen nicht kostendeckend. Ohne Privatpatienten könnten viele­ Praxen wirtschaftlich nicht überleben. In einigen Fachdisziplinen sei es gar so, dass die Versorgung von Kassenpatienten durch Private quersubventioniert wird.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat die Wartezeiten für Kassenpatienten gleichwohl als Problem identifiziert, das es zu beheben gilt. Per Gesetz will er jetzt Kassenpatienten für Ärzte attraktiver machen. Er will Anreize schaffen, Kassenpatienten häufiger und schneller zu behandeln.

Wie kommen diese Pläne in Marburg an? „Herr Spahn ist ein junger Wilder, der den Laden aufmischt”, sagt PriMa-Sprecher Hesse. Das sei an sich nicht schlecht, da es im Gesundheitssystem durchaus Dinge gebe, die zu verbessern sind. Ob allerdings die Wartezeiten für Kassenpatienten das drängendste Problem sind, sei mal dahingestellt.

Hesse ist überzeugt, dass zumindest die Hausärzte im Kreis keinen Unterschied zwischen Privat- und Kassenpatient machen. In seiner Praxis werde bei der Terminvereinbarung nicht nach der Versicherung gefragt. „Wir behandeln Patienten, keine Versicherungen – und das halten hier viele Ärzte so”, sagt er. Ausnahmen seien möglicherweise bestimmte Fachärzte mit teuren medizinischen Geräten, vermutet er.

Tipps

Sie brauchen einen Termin beim Facharzt? Das kann unter Umständen dauern. Daniela Hubloher, Medizinerin und Patientenberaterin der hessischen Verbraucherzentrale, hat folgende Tipps:

  • Wer akute Beschwerden hat, sollte bei der Terminvereinbarung unmissverständlich darauf hinweisen.
  • Wer unsicher ist, wie drängend die Lage ist, kann die Sprechstundenhilfe bitten, zum Arzt durchzustellen.
  • Wer das Gefühl hat, zu lange auf einen Termin beim Facharzt warten zu müssen, kann den Hausarzt bitten, einen Termin zu vereinbaren. „Das macht er aber nicht bei Bagatellen“, sagt Hubloher.
  • Wer länger als vier Wochen auf einen Termin warten muss, kann die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung anrufen unter Telefon 069/40050000. Patienten benötigen dafür von ihrem Hausarzt eine als dringend eingestufte Überweisung – außer für Termine beim Augenarzt, Frauenarzt oder für ein Erstgespräch beim Psychotherapeuten. „Einen Termin beim Wunscharzt gibt es aber nicht“, sagt Hubloher.
  • Wenn alle Stricke reißen, können sich gesetzlich Versicherte bei der Kassenärztlichen Vereinigung beschweren.

Müssen Kassenpatienten also deshalb manchmal länger auf Termine warten, weil Privatpatienten die Praxis verstopfen? Das Wissenschaftliche Institut der Privaten Krankenversicherung hat mal nachgerechnet, ob sich Wartezeiten für gesetzlich Versicherte verkürzen würden, wenn es keine privat Versicherten gäbe. Das Fazit: Die Wartezeit auf einen Facharzttermin würde sich um nicht einmal einen Tag verkürzen, die Wartezeit auf einen Hausarzttermin um 0,1 Tage. Was daran liegt, dass es vergleichsweise wenige­ ­Privatpatienten gibt: Auf einen Privatpatienten kommen in Deutschland mehr als acht Kassenpatienten.

Sind also Wartezeiten ein generelles Problem in Deutschland? „Dazu liest und hört man Widersprüchliches”, sagt Daniela Hubloher von der hessischen Verbraucherzentrale. Deutschland habe im internationalen Vergleich eine hohe Arztdichte; die Wartezeiten zählten zu den kürzesten, sagt die Medizinerin. Aber bei bestimmten Fachärzten sei es nachweislich schwierig, zeitnah einen Termin zu bekommen.

Für Petra Bendrich von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen ist klar, wo der Hase im Pfeffer liegt: Es fehlt an Ärzten. Gäbe es mehr Ärzte, kämen Patienten schneller an Termine, sagt sie. Als Antwort auf Versorgungsengpässe fordert die KV deshalb mehr Studienplätze in der Humanmedizin.

PriMa-Sprecher Hesse vertritt die Ansicht, dass die Deutschen beim Thema Wartezeiten auf extrem hohem Niveau jammern. „Der Deutsche geht pro Jahr im Schnitt 17 Mal zum Arzt. Da müssen die Wartezimmer ja voll sein”, sagt er.

Dass der eine länger auf einen Termin wartet als der andere, hängt seiner Einschätzung nach oft mit dem Unterschied zwischen „krank” und „gefühlt krank” zusammen. „Wenn Sie mit einem ernsten Herzproblem zum Hausarzt kommen, sehen Sie noch am selben Tag einen Kardiologen”, versichert Hesse. Dasselbe gelte aber nicht für die störende Warze und den Termin beim Hautarzt.

von Friederike Heitz und unseren Agenturen