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König Fußball schlägt die Kunst

Nacht der Kunst König Fußball schlägt die Kunst

Nacht der Kunst versus Fußball: Die Punkte gingen am Freitagabend an die DFB-Kicker. Ganz so klar wie befürchtet war die Entscheidung aber keineswegs.

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Einige Schüler der Schwanhofateliers (von links): Beate Opitz, Ingrid Janssen, Tristan Blaha, Kai Shima, Paula Schwabe, Rita Vaupel, Luisa May, Emely Satzke und die Künstlerin Christine Dahrendorf. Foto: Schulz

Marburg. „Ist das heute?“, fragt eine junge Frau im Oberstadtaufzug nach einem Blick auf den Flyer zur Nacht der Kunst. „Schade“, sagt sie. Sie wäre gerne hingegangen, müsse aber arbeiten. Fußballfans bedienen in einer der vielen überfüllten Kneipen in der Oberstadt.

Gut besucht trotz harter Konkurrenz. 35 Aussteller begrüßten die Gäste bei der "Nacht der Kunst", die sich gegen das EM-Viertelfinale Deutschland gegen Griechenland behaupten musste - und es auch schaffte. Fotos: Michael Hoffsteter

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Tatsächlich war Fußball bei der Nacht der Kunst das bestimmende Thema neben der Kunst. Die ehemalige FDP-Bundestagsabgeordnete Dr. Gisela Babel meinte auf dem Weg zum Kunstverein: „Wer um Neun noch in Sachen Kunst unterwegs ist, verdient einen Orden der Stadt.“

Als die Programmplaner vom Kunstverein und dem Fachdienst Kultur den Termin festlegten, war die Fußball-EM noch fern, die brisante Viertelfinal-Begegnung Deutschland - Griechenland hatten nicht einmal ausgewiesene Fußball-Experten vor Augen.

Die Stadt war voll am frühen Freitagabend. Touristen, Kunstinteressierte, Passanten, Fußballfans pilgerten in Scharen durch die Oberstadt. Und die Marburger Künstler waren nicht die einzigen, die König Fußball herausforderten: Am Marktplatz wurden die Stühle gerückt für den „Kaufmann von Venedig“. Immerhin 300 Karten hatte das Landestheater für das Open-Air-Spektakel an diesem Abend verkauft.

Wenige Meter Luftlinie entfernt richtete eine Gruppe in einer leerstehenden Wohnung eine Ausstellung ein, die nur an diesem Abend zu sehen war: Barbara Schmenner, Verena Franke, Therése Fiedler, Andrea Schuh aus Köln und der Schotte Steve Evans zeigten „Fotografien und Kleinode“.

In einem kleinen Nebenraum waren erstmals in Marburg Bilder des Berliner Expressionisten Robert Peter Keil zu sehen. Ein Marburger Sammler hat in den vergangenen zwei Jahren rund 400 Werke des einstigen „jungen Wilden“ erworben, der in diesem Jahr 70 Jahre alt wird.

35 Veranstalter beteiligten sich an der 11. Nacht der Kunst - vom „Güterbahnhof 12“ am Hauptbahnhof im Norden der Stadt bis zu den SchwanhofAteliers im Süden. Dort stellten Schüler der Künstlerin Christine Dahrendorf aus. Der 15-jährige Kai Shima etwa präsentierte seine Kugelschreiberzeichnungen.

Eine Attraktion zur Nacht der Kunst war die Öffnung der heiligen Hallen des Universitätsmuseums: Das Museum in der Biegenstraße hat inzwischen sein Depot komplett geräumt und nun nur für die Nacht der Kunst für eine Ausstellung geöffnet. Bespielt wurden die „Baustelle Kunst“ von Dozenten des Instituts für bildende Kunst - von Professor Eckhard Kremers, Helmi Ohlhagen, Doris Conrads und Tillmann Damrau, die begeistert waren von den Ausstellungsräumen und sie liebend gern für Ausstellungen behalten würden. Keine Chance: „Wer es heute nicht schafft, der sieht die Räume nie“, meinte der neue Direktor des Universitätsmuseums, Dr. Christoph Otterbeck. Die gut gesicherten Keller in der Unterwelt des Museums sind die ersten, die saniert werden. Anschließend werden alle Kunstwerke des Museums dort verstaut, damit die Obergeschosse saniert werden können.

Waren die Ausstellungen anfangs gut besucht, so zog das näherrückende Spiel wie ein Staubsauger die Fußballfans aus den Ausstellungsräumen in Kneipen oder Wohnungen vor die Fernseher. Es wurde merklich leerer, bestätigten Karin Stichnote-Botschafter vom Fachdienst Kultur und der Kunstvereins-Vorsitzende Dr. Gerhard Pätzold.

Professor Horst Schwebel etwa ließ keinen Zweifel: „Natürlich schaue ich Fußball, ich gehe danach aber noch mal raus.“

Auch Anne Katz, Anna-Maria Zimmermann und Katharina Meyer zum Farwig hatten es vor dem Kunstverein eilig, ihre Bilder zu Begriffen „Tigerschlüpfer“ oder „Saftschubse“ fertigzustellen, um noch einen Platz für das Spiel zu ergattern. Auch Bianca Klein von den Initiatoren des Kunst-Forschungsprojekts der Europäischen Ethnologen packte schnell ihre Sachen. Einige Aussteller hatten übrigens reagiert und Fernseher oder Leinwände aufgebaut - nach dem Motto.

Nach dem Spiel füllten sich die Ausstellungshäuser zwar wieder, doch die Zahlen vom Vorjahr - etwa 5000 Kunstinteressierte - wurden nach Einschätzung von Gerhard Pätzold bei weitem nicht erreicht. „Aber wir lassen uns davon nicht verschrecken und machen weiter.“

Der Kunstverein hatte angesichts der feierwütigen Menge auf den Straßen gegen 23 Uhr sicherheitshalber die Türen geschlossen.

von Uwe Badouin

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