Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Klinikum kämpft gegen Pillen-Engpass
Marburg Klinikum kämpft gegen Pillen-Engpass
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 05.12.2013
Medikamenten-Mangel ist nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft an vielen Kliniken verbreitet – auch in Marburg. Das Universitätsklinikum (UKGM) greift im Extremfall auf Notfallpläne zurück und stellt Arzneien selbst her. Quelle: Archivfoto
Marburg

„Von Sommer bis heute waren bei uns mehrfach Engpässe festzustellen“, sagt Frank Steibli, UKGM-Sprecher auf OP-Nachfrage.  Der Mangel betraf das gesamte Arzneimittelportfolio – von Augen- und  Nasentropfen über Blutdrucksenker bis zu Röntgenkontrastmitteln.  Der Medizin-Mangel tritt laut DKG-Sachstandsbericht immer häufiger auf. Die deutschen Kliniken hätten in den vergangenen Monaten immer wieder Probleme gemeldet.

Im Schnitt kann eine Krankenhausapotheke pro Monat knapp 20 Arzneien nicht oder nur in geringen Mengen zur Verfügung stellen. Zumeist handle es sich um Medikamente zur Behandlung lebensbedrohlicher oder schwerer Krankheiten, darunter Krebspräparate. In 39 Prozent der Fälle habe es keine gleichwertigen Alternativen gegeben, dies sei deutlich öfter gewesen als im Vorjahr. Die Probleme seien also schwerwiegender gewesen. In den Blick genommen wurden exemplarisch 21 Krankenhausapotheken, die insgesamt 114 der rund 2000 Kliniken in Deutschland versorgen. „Die Lieferprobleme, auch am UKGM verschärfen sich“, sagt Christian Zimmermann vom Allgemeinen Patientenverband in Marburg.  Das sei für viele Kranke „eine gefährliche Entwicklung“.

„Patienten erhalten in solchen Fällen vergleichbare Arzneimittel“, sagt Steibli. Wenn Engpässe am UKGM auftreten, dann prüfe die interne Apotheke, ob man auf andere Packungsgrößen oder andere Hersteller ausweichen könne. Das sei bei als Generika verfügbaren Arzneimitteln in der Regel kein Problem. Wenn das nicht gelinge, bleibe noch die Möglichkeit des  Auslands-Imports. „Wenn das auch nicht funktioniert, dann prüfen wir die Eigenherstellung“, erläutert Steibli. Diese Option bleibe allerdings nur ausgewählten Arzneiformen vorbehalten.

Studie: Schwerkranke besonders stark bedroht

Unter anderem die zeitnahe Arznei-Herstellung mit wenig Vorräten in Asien sorgt für die Probleme. Engpässe bei Krebsmitteln, Antibiotika und anderen Medikamenten gefährden laut DKG zunehmend schwerkranke Patienten. „An jedem dritten Tag steht ein dringend benötigtes Medikament nicht zur Verfügung“, sagt Roberto Frontini, Vorsitzender des Verbandes der Klinikapotheker in Europa.

Die Versorgungssicherheit der Patienten ist nach UKGM-Angaben jedoch immer gewährleistet: „Wir verfügen grundsätzlich über so große Vorräte an Leitsubstanzen zur Behandlung der wichtigsten Krankheitsgebiete, dass auf jeden Fall die akuten und aktuellen Behandlungen unserer Patienten sichergestellt sind“, sagt Steibli. Als Haus der Maximalversorgung in der Region Mittelhessen „stehen für das UKGM die Patientenversorgung auf höchstem Niveau und die Sicherheit und Qualität der medizinischen Prozesse an oberster Stelle“, ergänzt er.

Dass Lieferengpässe vorkommen, bestreitet die Pharmaindustrie nicht – und führt sie auf den weltweiten Kostendruck im Gesundheitswesen zurück. Viele Wirkstoffe werden nur noch in China und Indien produziert, erklärt der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI). Sind die Wirkstoffe nicht lieferbar, können weltweit Arzneimittel knapp werden. Der Pharmakonzern Novartis, der auch in Marburg produziert, kennt das Problem.„Wir hatten in diesem Jahr in nennenswertem Ausmaß bei mehreren Impfstoffen Verzögerungen bei der Belieferung“, sagt Volker Husslein, Unternehmenssprecher.

Er spricht von „deutlichen Verspätungen“ in diesem Jahr, weshalb die Grippeimpfstoffe erst in den vergangenen Wochen ausgeliefert werden konnten – gerade noch rechtzeitig vor der drohenden Grippewelle, wie Husslein sagt. 30 Millionen Patienten nutzen nach Firmenangaben Novartisprodukte, in mehreren Ländern verfüge das Unternehmen derzeit nur über begrenzte Vorräte etwa für die Tollwut-Impfstoffe Rabipur und RabAvert. Bis Mitte 2014 werde es an diesen Stoffen mangeln.

Auch Apotheker bemerken die Pharma-Probleme

Ende April wurde ein Register über Lieferengpässe beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) eingerichtet. Inzwischen wurden laut dem DKG-Papier dort insgesamt 23 solcher Lieferschwierigkeiten gemeldet. Hersteller meldeten die Probleme aber bisher nur freiwillig. Weitere Schritte seien nötig, fordert DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum. „Unsere dringende Empfehlung an die Politik ist, die Registerführung der Arzneimittelengpässe von freiwillig auf verbindlich umzustellen“, sagt er. Novartis meldet nach eigenen Angaben bereits alle Verzögerungen, wird sich auch am neuen Register beteiligen.

Laut DKG hat sich die Medizin-Mangel-Situation im Vergleich zum Vorjahr minimal verbessert. Im Vorjahr seien im Durchschnitt 25 Arzneimittel pro Monat und Apotheke nicht lieferbar gewesen. Überwiegend sind von Lieferschwierigkeiten nicht die Originalpräparate betroffen, sondern nach Ablauf der Patentfrist die Generika. „Bei denen besteht ein scharfer Preiskampf, der zu billigeren ausländischen Zulieferern und zu einer Zentralisierung  und Verringerung der Lagerhaltung zwingt“, sagt Patientenvertreter Zimmermann. Falle ein größerer ausländischer Zulieferer in China oder Indien aus oder gebe es Probleme bei der zentralisierten Lagerhaltung. „Das schlägt dann vorrangig auf die Kliniksapotheken durch“, sagt er.

Aber nicht nur die Apotheker in den Kliniken klagen, die gesamte Zunft ist alarmiert. „Auch in öffentlichen Apotheken beobachten wir zunehmend Lieferengpässe“, sagt Martin Schulz, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker. Er nennt Lieferengpässe bei Krebsmitteln, Grippeimpfstoffen, Antibiotika, aber auch Arzneimitteln zur Behandlung chronischer Krankheiten, wie Herzkreislaufmittel. In der Regel könnten die öffentlichen Apotheken ihre Patienten dennoch versorgen, indem sie auf ein Präparat eines anderen Herstellers ausweichen. Die Kassenärztliche Vereinigung forderte zuletzt „eine nationale Arzneimittelreserve“ durch Hersteller und Großhandel.

von Björn Wisker

Hintergrund

Als Lieferengpass wird laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte eine über zwei Wochen hinausgehende Unterbrechung einer Auslieferung bezeichnet. Das Institut nennt in seiner Liste bei den meisten einzelnen Fällen vor allem Probleme in der Herstellung als Ursache.