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Marburg „Wir sind doch keine Fabelwesen“
Marburg „Wir sind doch keine Fabelwesen“
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13:01 08.03.2018
Jede Größe hat Charme: Franzi Panne (links) und Sarah Rade wissen, wovon sie sprechen. Die 136 und 118 Zentimeter großen Frauen ärgern sich oft über Reaktionen auf ihren Kleinwuchs. Quelle: Nadine Weigel
Wehrda

Tobias kommt nicht dran. Die Tassen im Küchenschrank im Kinderzentrum Weißer Stein in Wehrda sind unerreichbar für ihn. Mit einer Körpergröße von 120 Zentimetern ist der 19-Jährige bei solchen alltäglichen Dingen oft auf die Hilfe seiner Zwillingsschwester Ann-Kathrin angewiesen. Sie ist normalwüchsig und überragt ihren Zwillingsbruder um gut drei Köpfe. „Das macht mir nichts, ich kenn es ja nicht anders,“ lacht Tobias und nimmt die Tasse aus den Händen seiner Schwester entgegen.

"Jede Größe hat Charme"

Tobias Wentzell ist mit seiner Familie aus Oberursel nach Marburg gekommen, um am Treffen des Landesverbandes Kleinwüchsiger und ihrer Familien in Wehrda teilzunehmen. An zahlreichen Tischen sitzen Kleinwüchsige aus ganz Hessen mit ihren Familien: Sie essen gemeinsam, reden und lachen. Viele tragen blaue T-Shirts mit dem Motto der Selbsthilfegruppe: „Jede Größe hat Charme“.
„Hier ist ein geschützter Raum, man kann ganz offen über seine Ängste und Probleme sprechen“, erklärt Karin Hoffmann.

400 Diagnosen zu Kleinwuchs

Die Vorsitzende des Landesverbandes (LKMF) ist selbst „normal“ groß, aber Mutter einer kleinwüchsigen Tochter. Sie weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig der Austausch mit anderen Betroffenen ist. „Kleinwuchs ist nicht gleich Kleinwuchs. Man kennt mittlerweile­ 400 verschiedene Diagnosen mit eigenen, spezifischen Merkmalen und medizinischen Problemen“, erklärt Hoffmann.
Tim Clasani zum Beispiel hat eine Form des Kleinwuchses, die einhergeht mit einer Deformation der Wirbelsäule. Langes Stehen fällt ihm deshalb schwer.

Hoffnung auf eine Anstellung als Bürokaufmann

Das mache seine Jobsuche „anspruchsvoller“, wie er sagt. „Ich könnte jetzt natürlich nicht acht Stunden stehend im Werk arbeiten, aber ich hoffe, dass ich bald eine Anstellung in meinem erlernten Beruf als Bürokaufmann finde“, sagt der 28-jährige Marburger. Interessiert verfolgt er den vom LKMF organisierten Vortrag zu Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt, der von zwei Mitarbeitern einer regionalen Jobakademie zum Thema Inklusion gehalten wird.

Ablehnung und Spott sind das Problem

Tobias Wentzell aus Oberursel hat das FHUF-Syndrom, das es weltweit nur rund 100 Mal gibt.  Er hat keine Knie und Oberschenkel. Aufhalten lässt er sich dadurch aber nicht. Er spielt zum Beispiel erfolgreich Fußball. Viel größere Probleme bereitet ihm dagegen die Gesellschaft, weiß seine Zwillingsschwester zu berichten. „Er wurde, vor allem als er jünger war, oft gehänselt“, erinnert sich Ann-Kathrin, die ihrem Bruder dann immer zur Seite gesprungen ist.

Diskriminierung als Fabelwesen

Erfahrung mit Ablehnung und Spott machen Kleinwüchsige immer wieder. Davon wissen auch Franzi Panne und Sarah Rade ein Lied zu singen. „Zwerg, Lilliputaner oder Gnom sind alles so Sachen, die will man nicht hören“, sagt Sarah Rade und schüttelt resigniert den Kopf. Dass ihre Existenz ins Reich der Märchen gerückt werde, komme immer wieder vor, kritisiert die 20-Jährige. „Das ist echt schlimm, wir sind doch keine Fabelwesen! Das sind Schimpfworte, die man nicht sagt. Genauso wenig, wie man Mongo zu einem Menschen mit Down-Syndrom sagt oder Nigger zu ­einem Schwarzen!“

Reduzierung auf Kleinwuchs

Sarah Rade­ redet sich richtig in Rage, wenn sie von ihren Erfahrungen spricht: „Schön ist auch diese Verniedlichung! Es ist echt toll, wenn  man von einer 14-Jährigen gesagt bekommt, wie süß man doch ist“. Sarah Rade ist 118 Zentimeter groß. Franzi Panne misst 136 Zentimeter. Die beiden Gießenerinnen sind starke Frauen,­ die selbstbewusst mitten im Leben stehen. Panne studiert Eventmanagement, Rade­ macht gerade­ ein Bundesfreiwilligendienst, will später Grundschullehrerin werden. Sie hassen es, auf ihren Kleinwuchs reduziert zu werden.

Selbstbewusstsein an Jüngere weitergeben

„Lustig ist auch, wenn ich gesagt bekomme, wie cool es doch ist, dass ich weggehe und feiere. Soll ich mich zu Hause einschließen oder was?“, ärgert sie sich. Die beiden jungen Frauen geben ihr Selbstbewusstsein an die jüngeren Mitglieder der Selbsthilfegruppe weiter. Sie wünschen sich einen respektvolleren Umgang innerhalb der Gesellschaft. „Man sollte jedem Menschen mit Toleranz begegnen und das ist nicht nur auf uns Kleinwüchsige bezogen!“

Kleinwuchs

Laut Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien­ beträgt die durchschnittliche Körpergröße von Männern in Deutschland 1,82 Meter und die von Frauen 1,70 Meter. Etwa drei Prozent aller Menschen liegen mit ihrer Körpergröße außerhalb des „Normbereichs“ (Männer bis 1,67 Meter; Frauen bis 1,53 Meter). Es gibt zirka 650 Ursachen, die zu einer krankhaften Verminderung des ­Längenwachstums führen. In Deutschland sind laut Bundesverband zirka 100.000 Menschen vom Kleinwuchs betroffen.
Die Körperlänge bei kleinwüchsigen Menschen beginnt bei zirka 80 Zentimetern und endet laut Schwerbehindertenrecht in Deutschland bei 1,40 Meter. Die weitaus meisten kleinwüchsigen Kinder werden in eine ­Familie hineingeboren, in der es vorher keinen Kleinwuchs gab.

von Nadine Weigel