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Marburg Kita-Kümmererin wird Hoffnungsträgerin
Marburg Kita-Kümmererin wird Hoffnungsträgerin
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00:16 01.01.2019
(Archivfoto) Seit Ende 2017 im Amt: Stadträtin Kirsten Dinnebier (SPD). Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Als die Klagelieder von Eltern immer lauter wurden, reagierte Dinnebier leise, aber bestimmt. Ja, die Geburtenzahlen – drei Jahre in Folge hat die Stadtverwaltung mehr als 600 Neugeborene registriert – würden die bestehenden Kinderbetreuungs-Kapazitäten sprengen, sagte sie. Ja, es gebe bereits Engpässe. Aber nein, trotz des akuten Mangels an Plätzen werde niemand in Marburg monatelang auf einen Krippen- oder Kitaplatz warten müssen – weder jetzt noch in Zukunft. Es war ein Versprechen an Hunderte Mütter und Väter, die in der Universitätsstadt großstädtische Verhältnisse fürchteten. Das war im Herbst 2017.

Was folgte und bis heute andauert, ist ein Platzausbau im Eiltempo. Dinnebier und das Jugendamt schafften binnen Monaten Dutzende neuer Betreuungsmöglichkeiten – und es geht weiter. So wird gerade nahe der Blindenstudienanstalt ein Haus saniert, in das Kindergruppen einziehen sollen. Dass die Stadtentwicklung, etwa Bebauungspläne, nun immer mit Familienbedarfen direkt verzahnt wird, das bei den Wohnviertel-Diskussionen im Stadtwald Kinderbetreuungsplätze von Beginn an mitgeplant wurden, dass es nie zum Problemthema wurde, ist auch der Verdienst der bis 2023 gewählten SPD-Stadträtin.

Dinnebier will eine in Marburg quer durch die Parteienlandschaft unumstrittene politische Tradition, ein Bekenntnis zum Standortfaktor Kinderbetreuung nicht nur fortführen, sondern weiterentwickeln: Niedrige bis keine Gebühren bei gleichzeitigem Ausbau der Platzzahl. Dazu noch eine Personalreform, die auf die speziellen Bedarfe der einzelnen Kitas in den verschiedenen Stadtteilen gemünzt ist, gleichsam eine stärkere Einbindung von Tagespflegepersonen in das Betreuungssystem. Für all das verfügt sie über nochmal bis zu vier Millionen Euro mehr Geld in ihrem ohnehin üppigen 2019er-Haushalts-Etat.

„Im positiven Sinne bemüht, informiert, ansprechbar“

Die anhaltende Kritik der Elterninitiative „Versprochen ist versprochen“, die eine Umsetzung der Kostenlos-Krippen fordert, zielt dabei weniger aus Dinnebier als auf die Aussagen des Oberbürgermeisters. Konflikte drohen da eher im künftigen Umgang mit freien Trägern angesichts der Reform der städtischen Haushaltsdarstellung, vor allem die neuen Verträge mit konkreten Zielvereinbarungen. Ausgang: ungewiss.

Dabei gab es so einige, die ihr die Arbeit im hauptamtlichen Magistrat, die Führung eines Verwaltungsapparats nicht so recht zugetraut haben. Immerhin ist sie Herrin über Millionenausgaben, über Beträge, die es sonst nur im Baubereich gibt: Zentrale Teile der Sozialpolitik, der gesamte Schulsektor und auch Sport fallen in ihren Aufgabenbereich.

Im Schulbereich, für den sie zuständig ist, ist es bislang recht ruhig geblieben – akut sind allerdings die Beschwerden über die Raumnot, künftige Klassengrößen an der Elisabethschule (OP berichtete). Reagiert hat Dinnebier indes auf mangelhafte Zustände bei der Versorgung mit der Internetverbindung, in Kürze soll es an allen Schulen Turbo-Internet geben. Beendet zu haben scheint sie jedenfalls den lange im Hintergrund schwelenden Konflikt der privaten Steinmühle mit der staatlichen Otto-Ubbelohde-Schule rund um die Einrichtung eines internationalen Schulzweiges.

Als Dezernentin für Sport – dem im neuen Magistrat seit dem Amtsende von Ex-OB und Fußballfan Egon Vaupel etwas ungeliebten Sektor – hat sie bei vielen für einen Überraschungseffekt gesorgt. „Im positiven Sinne bemüht, schnell in den Themen drin, informiert und immer ansprechbar“ – die Aussagen von mehreren Vereinsvorsitzenden lassen sich so zusammenfassen. Einzig rund um die Gründung des 1. FSC Marburg, die vermeintliche Privilegierung eines polit-lastigen Fußballvereins, wurde es für Dinnebier im vergangenen Sommer vorübergehend turbulent.

Beim Bildungsträger Integral in Cölbe war die 52-Jährige vorher für die Koordination der einzelnen Maßnahmen und Projekte und für Ausbildung zuständig – sowie als Betriebsratsvorsitzende tätig. Sozial, emotional, gleichsam ruhig, charmant und verbindlich. So beschreiben viele, die Dinnebier privat wie politisch kennen, ihre Persönlichkeit. Und über die pädagogische Arbeit ist sie authentisch in die Rolle der kommunalen Kümmererin geschlüpft.

Etwas, das sich bereits bei ihrer Wahl zur SPD-Parteivorsitzenden andeutete. Bei ihrer Rede vor den Delegierten in Michelbach verdrückte sie Tränen, hatte hörbar einen Kloß im Hals. Sie sprach über klassische Leitbilder der Sozialdemokratie, über prägende Werte auch ihrer in Marburg lange verehrten Mutter Käthe, das Aufwachsen am Richtsberg, den Stellenwert von lebenslangem Lernen.

Oberbürgermeister-Wahl: Fründt, Bartol – Dinnebier?

Für den Stadtverband der Sozialdemokraten, deren Führungsfigur Dinnebier als Parteivorsitzende formal schon ist, könnte sie mit ihren Eigenschaften und ersten Erfolgen perspektivisch durchaus an die Stadtspitze rücken, für den Fall eines Wiederwahl-Verzichts von Dr. Thomas Spies (SPD) Marburgs erste Oberbürgermeisterin werden. Das glauben zumindest nicht wenige Mitglieder, denen Dinnebiers Auftreten gefällt. Denn ein parteiinterner Konkurrent für eine mögliche OB-Kandidatur im Jahr 2021 ist vorerst wohl nur mit dem Bundestagsabgeordneten Sören Bartol, der auch den SPD-Unterbezirk führt, sichtbar. Ihre Chancen dürften selbst dadurch nicht geringer werden, dass sie im kommenden Jahr wohl nicht erneut zur Parteivorsitzenden gewählt werden will. Denn nach OP-Informationen will sie, die im hauptamtlichen Magistrat weniger Zeit für Parteiarbeit hat, nicht erneut antreten und lieber den Weg für ihren bisherigen Stellvertreter Thorsten Büchner freimachen.

Sollte nicht Landrätin Kirsten Fründt, die im kommenden Jahr zur als bereits sicher geltenden Wiederwahl ansteht, Ambitionen auf den Chefposten in der Universitätsstadt haben – ein Weg, der für Fründt als Vaupel-Nachfolgerin vor der einstigen Spontan-Kandidatur geebnet schien – dürfte Dinnebier, wenn sie denn den Schritt an die Spitze wagt, fast konkurrenzlos sein – trotz anderer prominenter
Polit-Persönlichkeiten wie etwa Ralf Laumer (Landrätin-Bürochef) oder der Jurist Dr. Fabio Longo (Stadtverordneter).

von Björn Wisker