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Eltern prangern Zustände in Marburger Kita an

Kindertagesstätte Goldbergstraße Eltern prangern Zustände in Marburger Kita an

„Die Kinder werden gezwungenermaßen einkaserniert“: Eltern von Kindern der Kita Goldbergstraße sind über die Betreuungszustände in Cappel erbost, fühlen sich vom Magistrat im Stich gelassen.

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Sabine Pfotenhauer steht mit ihrem Sohn vor der verschlossenen Tür der Kita in der Goldbergstraße. Aufgrund von Personalmangel und Krankheit ist aktuell keine Betreuung möglich.

Quelle: Simone Schwalm

Marburg. Es ist 7.30 Uhr, Doreen Braun muss zur Arbeit, aber vorher bringt sie ihren vierjährigen Sohn in die Kita. Das wollte sie zumindest. Als sie am Freitag die Tür der Kita in der Goldbergstraße in Cappel öffnen will, ist diese verschlossen.

„Das, was wir schon lange befürchtet haben, ist nun eingetreten: Die Kita ist aufgrund von Erkrankung des Betreuungspersonals geschlossen“, sagt Sabine Pfotenhauer, Mutter eines Sechsjährigen. Doch das wissen die Eltern am frühen Freitagmorgen noch nicht. Sie rufen bei der Stadt an, fragen nach. Gegen 9 Uhr ist dann klar: Die Kindertagesstätte ist diese und voraussichtlich die gesamte kommende Woche geschlossen.

20 städtische Notdienstplätze - 40 Kinder in Kita Goldbergstraße

Doreen Braun hat Glück, ihr Sohn darf am Freitag mit zur Arbeit kommen. Für diese Woche haben sie und ihr Mann einen Plan erstellt, wer wann auf das gemeinsame Kind aufpasst. „Die wenigsten Eltern können sich kurzfristig Urlaub nehmen“, sagt Braun. „Und nicht alle haben Großeltern in der Nähe, die die Enkelkinder betreuen können“, ergänzt Pfotenhauer.

Seit Dienstag stehen 20 Notdienstplätze in anderen städtischen Kitas zur Verfügung, berichten die beiden Mütter. Für die rund 40 Kinder aus der Kita in der Goldbergstraße reichen diese nicht. Außerdem wäre das für die beiden nur eine Notlösung. „Die Kinder kennen ja die Betreuungspersonen nicht, es ist schwierig, sie einfach woanders hin zu geben“, sagt Braun.

Auch wenn die aktuelle Situation eine große Herausforderung darstellt, überrascht sind beide Mütter nicht. „Wir haben vorausgesehen, dass irgendwann so etwas passieren wird“, sagt Pfotenhauer. Ihr Eindruck war, dass Erzieher, die krank waren, sich vermutlich nicht richtig auskuriert hätten, um wieder arbeiten und sich um die Kinder kümmern zu können. Außerdem fordere die ständige Überlastung ebenso ihren Tribut.

„Untragbarer Zustand“ seit etwa sechs Monaten

Seit November 2017 habe sich die personelle Situation zugespitzt. „Schon mehrmals hing morgens ein Schild an der Tür, dass die Kita aufgrund von Personalmangel statt bis um 17 Uhr nur bis 14 Uhr geöffnet hat“, berichtet Braun. Der „akute Personalmangel“ herrsche seit etwa sechs Monaten und sei ein „untragbarer Zustand“, betont Pfotenhauer. Zuerst wurde die Leiterin als Vertretung für eine andere städtische Kita eingesetzt, im Dezember kündigte eine Mitarbeiterin, eine weitere befristete Stelle lief im Februar aus – und das alles in einer Zeit, in welcher der Magistrat den Kitaplatz-Ausbau samt 16 nötiger neuer Stellen und Gratis-Kinderbetreuung ankündigt.

Die Mütter wundert es nicht, dass sich gerade junge Berufseinsteiger Stellen in anderen Städten suchen. Ihrer Kenntnis zufolge erhalten die Erzieher dort bessere Vertragskonditionen und Arbeitsbedingungen.
Der Stadt ist die Personalsituation bekannt, es habe bereits mehrere Gespräche mit dem Elternbeirat gegeben. Das bestätigte Stadträtin Kirsten Dinnebier (SPD) am Rande der Stadtparlamentssitzung: „Das Problem ist mir sehr bewusst, wir sind in Gesprächen.“ Sie sagt, dass es Engpässe gibt, aber: „Wir machen alles, was geht. Eine 100-prozentige Ausfallgarantie geht nicht.“

"Stadt antwortet zwar schnell, aber es folgen keine Taten"

Für die Eltern ist diese Antwort nicht zufriedenstellend. „Die Stadt antwortet uns zwar sehr schnell, aber es folgen keine Taten, die die Situation der Erzieher und Kinder verbessern“, sagt Pfotenhauer. Als Beispiel nennt sie, dass die freien Stellen mit weniger Stunden oder bisher noch gar nicht besetzt wurden. Sie findet das besonders bedauernswert, „da die Erzieher hervorragende Arbeit leisten“. Aufgrund des Personalmangels wäre aber beispielsweise keine Vorschularbeit oder frühkindliche Förderung möglich, sondern lediglich reine Betreuung. Selbst das Rausgehen auf den Spielplatz sei kaum möglich.

Für die Sicherheit, dass ihre Kinder zuverlässig und qualitativ gut betreut werden, würden Braun und Pfotenhauer auf kostenlose Kita-Plätze verzichten. „Das Geld sollte lieber für mehr Personal und bessere Ausstattung investiert werden“, sagt Braun und hofft, ihrem Sohn bald wieder sagen zu können: „Morgen kannst du wieder in deinen Kindergarten gehen.“

von Simone Schwalm

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