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Marburg Haftstrafe für Kirschenmarktschläger
Marburg Haftstrafe für Kirschenmarktschläger
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13:46 11.03.2018
Die beiden Angeklagten wurden gestern wegen versuchten Mordes zu vier Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Ihre Verteidiger kündigten Revision an. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Richter Thomas Wolf verlas am letzten Verhandlungstag am Freitag nach der sechsstündigen Verhandlung das Urteil: Jugendstrafe von vier Jahren und sechs Monate wegen versuchtem Mord in Tateinheit mit schwerer und gefährlicher Körperverletzung.

Das Gericht sah im Hass auf den Fußball-Verein Borussia Dortmund, dessen Fan das Opfer ist, den niedrigen Beweggrund, der für eine derartige Verurteilung vorliegen muss.

Er führte aus, dass Zeugen von einer „nie gesehenen Brutalität“ sprachen, mit der die beiden Schläger auf das Opfer auf dem Kirschenmarkt vergangenes Jahr eingeprügelt haben.

Und für den Richter entscheidend: „Sie haben sich nicht aufhalten lassen. Zeugen, die sich Ihnen in den Weg gestellt haben, sind mit körperlicher Gewalt aus dem Weg geräumt worden, Sie sind dem Opfer gefolgt und haben weiter zugeschlagen.“

Keine Ausicht auf Bewährung

Für ihn gab es keinen Unterschied, wer zuerst wo und wie hart geschlagen oder getreten hat. „Im Tatablauf gibt es nichts, was den einen vom anderen unterscheidet.“ Die zeitweise doch unterschiedlichen Zeugenaussagen, die in den insgesamt vier Verhandlungstagen aufgenommen wurden, fügten sich für die große Strafkammer dann doch „wie ein Puzzle zusammen“, so Thomas Wolf.  Für ihn stand fest: „Dafür, dass es am Ende so gut gegangen ist, dafür können die Angeklagten nichts.“

Saßen sie während der vier Verhandlungstage recht entspannt neben ihren Pflichtverteidigern, brach zumindest für einen der Angeklagten mit der Urteilsverkündung sichtlich die Welt zusammen.

Der mittlerweile 20-Jährige war gerade wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit schwerer und gefährlicher Körperverletzung ­verurteilt worden. Vier ­Jahre und sechs Monate soll er in Haft, ohne Aussicht auf Bewährung.

Richter sieht volle Schuldfähigkeit

Er versteckte sein Gesicht hinter den Händen, schüttelte immer wieder den Kopf. Für ihn schien das Urteil völlig überraschend. Er hatte mit einer Bewährungsstrafe gerechnet, wie seine Verteidiger in ihren Plädoyers gefordert hatten.

Der andere Angeklagte nahm das Urteil ohne jede Regung hin. Als die Familie ihn unter Tränen nach dem Verhandlungstag verabschiedete, wurde ihm das Urteil wohl erst bewusst – dass er weitere vier Jahre in der Justizvollzugsanstalt in Rockenberg verbringen soll.

Alle drei Pflichtverteidiger, deren Plädoyers sich in großen Teilen in die guten Sozialprognosen ihrer Mandanten verloren, kündigten noch am Freitag an, in Revision zu ­gehen.

Für sie ist der Tatbestand des versuchten Mordes nicht erfüllt. Das Gericht unter Vorsitz von Richter Thomas Wolf sah es allerdings als erwiesen an, dass die Hemmschwelle der beiden Angeklagten aufgrund des Alkoholpegels von über ein Promille zwar heruntergesetzt war, sie aber trotzdem voll schuldfähig waren.

Opfer mit Schlägen und Tritten verletzt

Sie verletzten das Opfer mit Schlägen und Tritten „akut lebensgefährlich“ und nahmen seinen Tod billigend in Kauf, so Wolf, weil sie einfach wegrannten, als Besucher zu dem Bewusstlosen eilten, um ihm zu helfen. „Deswegen war die untere Strafgrenze keine Option“, erklärte er weiter.

Die gefährliche Körperverletzung sah er darin begründet, dass das Opfer irreparable Schäden durch die Verletzung davongetragen hat. Das bestätigte auch die Psychologin Professorin Sabine Nowara in ihrem Gutachten, das sie gestern in gut einer Stunde vorstellte.

Ein Frontalhirnsyndrom hatte sie diagnostiziert: ­„Eingeschränkte Belastbarkeit, fehlende Reflexionsfähigkeit, Konzentrationsschwächen und Wortfindungsstörungen“, zählte sie einige Symptome auf, die sie beim Opfer erkannt hatte. Von diesen berichtete auch die Lebensgefährtin des Opfers, die ebenfalls gestern gehört wurde.

„Zwei von Hass getriebene junge Männer"

Sie bemerkte auch eine erhöhte Aggressivität bei ihrem Freund nach dem Vorfall in Gladenbach. Nowara stellte dann noch klar: „Er wird seinen Beruf als Altenpflege­helfer definitiv nicht wieder ausüben können.“ Den Anspielungen der Verteidiger bezüglich des zeitweise hohen Cannabis-Konsums des Opfers erteilte sie eine Absage: „Die angesprochenen Symptome haben nichts mit einem erhöhten Cannabis-Konsum zu tun.“

Außerdem könne er nicht permanent konsumiert haben, da das ­Opfer immer in einem Arbeitsverhältnis stand und in Zeugnissen ­seiner Arbeitgeber seine Flexibilität und Einsatzbereitschaft ­hervorgehoben wurden.

Detlef Cordes, der Anwalt der Nebenklage, sah in den beiden Angeklagten „zwei von Hass getriebene junge Männer. Ich erkenne kein anderes Motiv als Hass auf den Fußballverein meines Mandanten.“ In seiner sehr emotionalen Ansprache beschrieb er die Tat, die er als „Tötung des Borussen“ betitelte, als „höchst verwerflich“.

Die Tatsache, dass sich einer der Angeklagten am zweiten Verhandlungstag hinterher mit Freunden und geballter Faust im Gerichtssaal hat fotografieren lassen, sei für ihn „einfach schrecklich“. Ebenso die Chatnachricht „Von mir aus soll er sterben. Hauptsache ich muss nicht sitzen“, die der gleiche Mann nach der Tat an einen Bekannten schickte.

Sogar in der Haft schrieb dieser Drohparolen auf einen Zettel, der dann als Beweismittel vor Gericht landete. Das Bedauern der Tat der beiden Angeklagten sah Cordes nicht als Entschuldigung, sondern als „Bedauern der eigenen Situation“.

von Katja Peters