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Marburg Kino darf nicht zur Lehrstunde werden
Marburg Kino darf nicht zur Lehrstunde werden
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20:40 14.10.2010
Kino soll, trotz aller Botschaften, immer unterhalten – das zumindest meint Regisseur Lars Kraume. Quelle: Nadja Schwarzwäller

Marburg. Am 4. November startet der neue Film von Regisseur Lars Kraume in den deutschen Kinos. In dieser Woche hatten knapp tausend Besucher der Sneak Preview im Marburger Cineplex die Gelegenheit, „Die kommenden Tage“ bereits zu sehen. Zu dieser Weltpremiere war Lars Kraume am Dienstagabend zu Gast. Im Interview sprach der zweifache Grimme-Preisträger, der in Frankfurt aufgewachsen ist und nun in Berlin lebt, über seinen Film, das Filmemachen und die Zukunft.

OP: Herr Kraume, worum geht es in „Die kommenden Tage“?
Kraume: Es geht um die Lebenswege von vier Menschen von heute bis zehn Jahre in einer nahen Zukunft – vor dem Hintergrund großer weltpolitischer Veränderungen. Es herrscht ein Ressourcenkrieg, der in Saudi-Arabien beginnt. Es sind die sozialen und wirtschaftlichen Konflikte, die die Geschichte ventilieren. Die Hauptfiguren sind zu Beginn des Films Anfang bis Mitte 20 und stehen vor der Frage: In welcher Zukunft wollen wir leben?

OP: Sie haben geäußert, Ihr Film sei kein politischer Film. In welchem Genre sehen Sie ihn dann?
Kraume: Der Begriff ist für mich durch das deutsche Kino der 1960er Jahre von programmatischen, kämpferischen Filmen geprägt. „Die kommenden Tage“ ist ein Melodram mit einer politischen Botschaft. Was ich machen wollte, war eine Genremischung: Melodram und Thriller. Es sollte kein Film mit einem zu aufklärenden Duktus werden. Wenn man versucht, eine Botschaft zu platt zu präsentieren, verkommt das Ganze zu einer Lehrstunde. Die Funktion des Kinos ist, das auf eine unterhaltsame Art zu verpacken.“

OP: Wie schwer ist es, sich gegen die Konkurrenz der Blockbuster durchzusetzen und für solch einen Film ein Publikum zu gewinnen?
Kraume: „Für deutsche Verhältnisse hatten wir ein großes Budget. Aber es ist ein Witz im Gegensatz zu jeder normal budgetierten amerikanischen Produktion. Wir treten mit ungleichen Waffen an, aber wir müssen uns genauso an denselben Kinokassen schlagen. Die Amerikaner machen Filme, die global funktionieren. Das ist ein Vorteil, auch weil die Sprachbarriere wegfällt, wenn man auf Englisch dreht. Wir machen aber Filme mit kultureller Identität. Das ist das große Ass im Ärmel.

OP: Wenn Sie auf die Filme zurückschauen, die sie in den letzten fast 15 Jahren gemacht haben – was für einen Film werden Sie in 15 Jahren machen?
Kraume: Das ist eine gute Frage vor dem Hintergrund eines Films, der sich mit der Frage beschäftigt, was in der Zukunft sein wird. Hoffentlich mache ich in 15 Jahren noch Filme. Vielleicht einen Film über die letzten 15 Jahre? Dann würde sich der Kreis schließen.

OP: Was sollen die Zuschauer aus „Die kommenden Tage“ mitnehmen, wenn sie aus dem Kino kommen?
Kraume: Sie sollen rausgehen mit eben dem Gedanken: Wie soll unsere Zukunft aussehen, in welcher Zukunft wollen wir eigentlich leben? Ich finde, dass nicht genug darüber diskutiert wird, wohin sich die Dinge entwickeln und wie wir die Zukunft gestalten wollen. Bei uns in Deutschland zum Beispiel haben wir uns seit dem Krieg viele soziale und politische Privilegien erarbeitet und gesellschaftlich viele Dinge erkämpft, die wir in den letzten Jahren im Zuge der Globalisierung für einen Appel und ein Ei verscherbelt hätten. Wir müssen zusehen, dass wir solche Sachen nicht zu leichtfertig aus der Hand geben und erhalten, was erhaltenswert ist. Gleichzeitig sollte sich Deutschland den vielen guten neuen Ideen, die es gibt, nicht verschließen.

Das Interview führte Nadja Schwarzwäller.