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Unter der Gürtellinie, aber saukomisch

Kikeriki-Theater Unter der Gürtellinie, aber saukomisch

Derb, öfter mal unter der Gürtellinie, aber für viele Lacher gut: Mit dem Puppenspiel „Erwin – ein Schweineleben“ erntete das Kikeriki-Theater im ­Erwin-Piscator-Haus ­tosenden Beifall von den Besuchern.

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Am Ende wird Schwein Erwin von seiner Margarethe gerettet und es gibt ein – auf den ersten Blick – schmalziges Happy End.

Quelle: Manfred Schubert

Marburg. Puppentheater für Erwachsene? Wie unterhaltsam das sein kann, das demonstriert das Kikeriki-Theater, das Roland Hotz 1979 in Darmstadt gründete und mittlerweile Kultstatus genießt. Mit einem seiner Dauerbrenner, dem bereits auf weit über 1000 Vorstellungen kommenden Stück „Erwin – ein Schweineleben“, begeisterten die Puppenspieler und Sprechkünstler Florian Harz, Felix Hotz und Hanno Winter am Dienstagabend knapp 600 Besucher im Erwin-Piscator-Haus.

Die Spieler bekam man allerdings erst am Ende, beim tosenden Schlussapplaus, zu sehen. Verborgen hinter der Kulisse, die geöffneten Torflügeln einer Scheune nachempfunden war, führten sie die großen Stockpuppen in dem Stück, das von frechem Wortwitz in verschiedenen Mundarten lebt.

Abrazzo und Körbel hausen in „Rattakomben“

Die Handlung ist relativ schnell erzählt. Dem sächselnden Schwein, namens Erwin, das mit Freundin Margarethe auf einem Bauernhof lebt, wird plötzlich die Langweiligkeit seines Lebens bewusst. Er verlässt Margarethe, um Aufregung und Abenteuer zu suchen.

Der sexsüchtige Wurm Joe verrät ihm, gegen entsprechende „Dienstleistung“, dass in den U-Bahn-Schächten, direkt unter seinem Bauernhof, die Post abgeht. In diesen „Rattakomben“ hausen die Ratten Abrazzo und Körbel, gemeinsam mit dem selbsternannten Rattenkönig, dessen Sprachduktus sehr an den dunkelsten Teil der deutschen Geschichte und den damaligen „Führer“ erinnert.

Die Dialoge und Streitereien der Ratten, Abrazzo mit italienischem und Körbel mit hessischem Dialekt, machten einen Großteil des Stückes aus. In teils irrwitzigem Tempo brachten sie ihre Witze, aber auch Sticheleien gegen Prominente und Politiker vor. Dabei fehlten auch Brechungen wie „ich bin eine Puppe, ich habe einen Stock im Arsch“ und Interaktionen mit dem Publikum nicht. Als eine Zuschauergruppe auf das Wort Ramazotti spontan mit lauten „Ey!“-Ruf reagierte, machten die Spieler daraus einen Running Gag für den Rest des Abends.

Schlussbild lässt Böses erahnen

Erwin, dessen Ankunft den Ratten vom verräterischen Wurm längst angekündigt wurde, wird trotz Nagetier-Verkleidung erkannt und von den Ratten als künftiger Schweinebraten gefangen genommen. ­Jedoch wird Erwin von seiner Margarethe gerettet und es gibt ein schmalziges Happy End.

Aber wirklich? In der Ferne ist Musik auszumachen. Erwin glaubt, dass bereits der Hochzeitszug für ihn und Margarethe unterwegs ist. Das Schlussbild lässt jedoch Böses ahnen. Ein großes Banner schiebt sich 
über den Bühnenhorizont: ­Heute großes Schlachtfest.

Sehr spaßig waren die Gesangs- und Musikeinlagen in verschiedensten Stilen vom Schlager über Blues bis zum Hip Hop. Aber auch vor ziemlich derben Fäkalwitzen – gleich zu Beginn musste Erwin seinen Durchfall hinter einem Busch mit entsprechender Geräuschkulisse loswerden – machte das Stück nicht halt. Lokale Seitenhiebe, etwa auf die Gießener, die an die U-Bahn angeschlossen und somit nun wohl auch „in der Zivilisation angekommen“ seien, fehlten ebenfalls nicht.

von Manfred Schubert

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