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Marburg Keinen Plan, aber neuen Beschluss
Marburg Keinen Plan, aber neuen Beschluss
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00:18 09.12.2018
Bekommt Haddamshausen eine Ortsumgehung oder rauscht der Verkehr weiter durch den Ort? Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Voll war der Saal im Bürgerhaus Haddamshausen während der Ortsbeiratssitzung am Mittwoch. Grund war der Tagesordnungspunkt drei: „Planung einer neuen Verbindungsstraße vom Görzhäuser Hof über Dagobertshausen – Elnhausen – Hermershausen – Haddamshausen nach Niederweimar“. Eingeladen war Reinhold Kulle als städtischer Vertreter des Fachdienstes Stadtplanung und Denkmalschutz. „Es gibt keinen Beschluss. Es gibt keine Planung“, betonte er gleich zu Anfang und ergänzt später: „Die Stadt wird und kann den Bau einer möglichen neuen Straße weder beauftragen noch planen.“

Der Stadtplaner erklärte, dass, im Falle eines Planungsverfahrens der Westumfahrung, das Land Hessen „wesentlich in der Verantwortung steht“. Zuständigkeitsübergreifend müssten hier die Planungen erfolgen, die die Stadt unterstützen und begleiten würden. „Aber das hier“, Reinhold Kulle zeigt eine Grafik aus der OP, „das ist eine Idee. Eine Idee, die einfach so hingemalt wurde.“ Denn es gibt überhaupt noch gar keine Machbarkeitsstudie, „weil auch noch nicht mit dem Baulastträger ­gesprochen wurde“.

Schaffner: Autos nicht durch die Stadt schicken

Die etwa 70 Haddamshäuser nebst Gästen wollten das nicht so richtig glauben. Für Christoph Kubens ist das alles eine „Dunstglocke“. Er befürchtete, dass die Planungen doch schon viel weiter fortgeschritten sind, als nur eine „Idee“. Im Ortsbeirat Elnhausen wäre kürzlich schließlich schon ein Plan von einem Stadtvertreter aus Elnhausen präsentiert worden, ­berichtete Michael Wölbert, der nun mit Mitstreitern eine Bürgerinitiative gegründet hat.

Die Stadtregierung aus SPD, BfM und CDU hat zeitgleich die Erstellung eines Verkehrsanbindungs-Konzepts für den Pharmastandort Marbach und Görzhäuser Hof, das die Prüfung­ ­einer Westumfahrung und Nahverkehrs- sowie Radwegeausbau beinhaltet, beschlossen. „Es braucht Alternativen, um die Autos nicht weiter und immer durch die Stadt zu schicken“, sagt Karin Schaffner, CDU-Stadtverordnete.

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) betont den Prüf-Charakter des sozialdemokratischen Vorstoßes. „Es geht erst mal nur darum, die grundsätzlichen Möglichkeiten, eventuelle Streckenverläufe zu erkennen.“ Henning Köster (Linke)­ lehnt die Straßenneubau-Idee ab, die junge Sterzhausen-Strecke sei schon nicht angenommen worden. „Eine neue Verbindung für Autoverkehr kann nicht die ökologische Verkehrswende sein, die es braucht.“

Abkürzung oder Umweg?

Auch Martin Turek, Sprecher der Lokalen Agenda „Nachhaltige Stadtentwicklung“, stellt sich gegen den Bau einer Westumfahrung – und favorisiert den Bau eines Behringtunnels. „Wenn überhaupt, muss es doch um die Verkürzung von Wegen gehen“, sagt er. Eine Westumfahrung samt Doppel-Ortsumgehung stelle keine Abkürzung, sondern eher eine Verlängerung dar. Schon wegen ­ihres Umwegcharakters würde sie die „erwartete Wirkung verfehlen“ und „nur die Landschaft verbauen“.

Für einen Behringtunnel, der jahrzehntealten Plänen zufolge­ in der Marbach beginnen und an Marburg-Nord anschließen würde, hätten sich angesichts des Pharmastandort-Booms, der West-Wohngebiete und prognostizierten Bevölkerungsentwicklung „die Grundlagen, die Voraussetzungen völlig verändert“. Zuletzt hagelte es bereits in Elnhausen Kritik an dem Vorstoß, der laut SPD-Skizze Ortsumgehungen zwischen Elnhausen und Dagobertshausen, Hermers- und Haddamshausen vorsieht.

Anwohner genervt vom Verkehr

Reinhold Kulle erklärte in Haddamshausen, dass es eine Umfahrung über Landes-, Kreis- und städtische Straßen ja quasi schon jetzt geben würde, die auch von vielen Autofahrern sowie Schwerlasttransportern genutzt wird – zum Leidwesen der Anwohner wie Christoph Kubens. Er wohnt am Ortsrand von Haddamshausen und ist schon jetzt genervt von dem Verkehr. Er könne sich eine Umgehung durch das Allnatal durchaus vorstellen, wenn die Bürger in den Planungen miteinbezogen werden. „Wann muss ich denn hier wieder auftauchen, um Einsicht in die Planungen zu erhalten“, fragte er immer wieder.

Eine richtige Antwort hat er nicht bekommen. Es wurde ihm aber von Ortsvorsteher Heinz-Konrad Debus versichert, „dass wir Informationen sammeln werden und euch dann informieren. Die Ortsbeiratssitzungen sind immer öffentlich“. Der Stadtplaner warf die Jahre 2025 bis 2030 in den Raum. Solange könne es noch dauern, bis überhaupt irgendetwas Spruchreifes fertig wäre. Im kommenden Jahr stehe die Weiterentwicklung des regionalen Raumordnungsplanes an, in den die Stadt die Entwicklung einer verbesserten Anbindung des Pharmastandortes mit aufnehmen will.

„Eine weitere Möglichkeit ­wäre, dass der Öffentliche Personennahverkehr besser ausgebaut wird, vor allem in die Außenstadtteile und noch weiter außerhalb“, so Reinhold Kulle, der immer wieder versuchte,­ die hochgekochten Emotionen zu schlichten. Auch hier gäbe es schon erste Gespräche mit ­allen Beteiligten, Vertretern aus dem Landkreis, von den Behring-Nachfolgefirmen und aus der Stadtverwaltung.

von Björn Wisker und Katja Peters