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Marburg Keine Angst vor großen Blutsaugern
Marburg Keine Angst vor großen Blutsaugern
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17:15 30.08.2018
Der Gemeine Holzbock (links) und die tropische Zecke der Gattung Hyalomma. Quelle: Bildquelle: IMB/Lidia Chitimia-Dobler
Marburg

Gerhard Dobler und Michael Bröker treibt etwas um: Vermutlich durch den Klimawandel kommen neue Zeckenarten nach Deutschland. In jüngster Zeit warnten Gerhard Dobler und Lidia Chitimia-Dobler vom Ins­titut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München und Kollegin Ute Mackenstedt von der Universität Hohenheim vor tropischen Zecken der Gattung Hyalomma.

Neue Zecken, neue Erreger. Doch auch die Verbreitung von Zecken mit FSME-Erreger ­intus könnte sich verschieben. „Im Schwarzwald ist eine Impfung auf jeden Fall angezeigt“, erklärt Bröker. An der Nordseeküste indes nicht: Keine Verbreitung von FSME.

Doch die Risikogebiete können sich ausdehnen oder verschieben. Um diese Verschiebung und das Auftauchen neuer Arten zu verfolgen und zu entdecken, hoffen Bröker und Dobler auf die Mithilfe der Bevölkerung. In seltenen Fällen schickt schon mal eine Pferdebesitzerin ein ungewohntes Zeckenexemplar an Dobler. Manchmal sind interessante Entdeckungen damit verbunden. Das gilt es zu systematisieren.

Projekt untersucht Zeckenverbreitung

Wünschenswert wäre, wenn möglichst viele Besitzer von Pferden, Hunden, Katzen an die Forscher einschicken, was sie den Tieren aus dem Fell kämmen. Bröker, Mackenstedt und das Forscherpaar Dobler/Chitimia-Dobler sammeln selbst Hunderte Zecken im Jahr zu Studienzwecken. Repräsentativ ist das trotzdem nicht. Im Rahmen eines „Citizen Science“-Projekts könnten sie hingegen besser die Zeckenverbreitung untersuchen. Denn es tut sich einiges an der Zeckenfront.

Die jüngst ­gefundene Hyalomma kam in Deutschland bisher nicht vor. „Vermutlich sind die jungen Nymphen mit Zugvögeln aus Afrika gekommen“, vermutet Bröker. Nymphen sind Vorstadien der ausgewachsenen Zecken. Sie können selbst schon stechen und Blut saugen, müssen sich bis zum Erwachsenenstadium aber noch häuten.

„Diese Zecken brauchen Hitze und Trockenheit, und genau das hatten wir in diesem Jahr“, sagt Bröker (Foto: Carl Anger). Schreitet der Klimawandel fort und wiederholen sich die Hitze- und Dürreperioden hierzulande, dann wird das Auftreten von Hyalomma wahrscheinlicher.

Von den vergleichsweise großen Tieren mit den auffällig gestreiften Beinen wurde bislang rund ein Dutzend Exemplare identifiziert.

„Diese Zeckenarten könnten in Deutschland Einzug halten“, befürchtet Ute Mackenstedt, Parasitologin an der Universität Hohenheim. „Wir werden sie in diesem Jahr verstärkt im Auge behalten und bereiten uns darauf vor, ihr in den nächsten Monaten womöglich noch öfters zu begegnen.“ Bislang sind sie in diesem Jahr im Raum Hannover, in Osnabrück, in der Wetterau und jüngst im Main-Kinzig-Kreis aufgetaucht.

Bröker selbst nennt Hyalomma respektvoll die Monster‑ zecke. Dabei findet er diese zu den Spinnentieren gehörenden Organismen eher spannend als abstoßend.

Hyalomma hat im Gegensatz zum Gemeinen Holzbock deutlich besser entwickelte Augen. „Diese Zecke kann ihr Opfer sehen und ist aktiver“, sagt Bröker. Der Gemeine Holzbock wartet faul auf seinem Grashalm bis ein Wirtstier vorbeikommt – überwiegend Nagetiere wie Mäuse, eigentlich aber alle Säugetiere, vom Wiesel über das Schaf bis zum Menschen.

Der Holzbock ist geduldig

„Und wenn kein Opfer vorbeikommt, dann sitzt der Holzbock ruhig weiter. Tage. Wochen“, sagt Bröker. Die von ihm so genannte Riesenzecke Hyalomma krabbelt aber aktiv auf ihren Wirt zu, bis zu zehn Meter. Da wird einem schon mulmig, da Hyalomma auch neue Krankheitserreger in sich bergen kann.

Das geht bis zum Zecken-Fleckfieber, einer bakteriellen Erkrankung, und dem lebensbedrohlichen hämorrhagischen Fieber, das durch Viren verursacht wird. Es spricht also einiges dafür, die Parasitenforschung an Zecken voranzutreiben und die Wissenschaftler zu unterstützen.

  • Wer ungewöhnlich aussehende Zecken entdeckt, schickt sie, am besten mit seinen Kontaktdaten und dem Fundort, an: Dr. Michael Bröker, Pappelweg 30, 35041 Marburg.     

von Martin Schäfer