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Marburg Kein Entkommen aus dem Folienrund
Marburg Kein Entkommen aus dem Folienrund
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19:36 31.10.2010
Könnte das ein Weg sein, über die Runden zu kommen? Auf leeren Bierflaschen lässt sich trefflich Musik machen, demonstrieren Tine (Christine Reinhardt, von links), Stamm (Daniel Sempf), Corinna (Franziska Knetsch) und Sven (Stefan A. Piskorz). Quelle: Ramon Haindl

Marburg. „Provinz, das ist ein Sterbehospiz ohne Geleitschutz“, heißt es an einer Stelle in dem Stück „Wir sind immer oben“, das am Samstag im Theater am Schwanhof Premiere feierte. Sven, Stamm und Corinna wollen da trotzdem noch Bewegung reinbringen, in ihr Umfeld und in das eigene Leben. Aber sie scheitern schon, bevor sie überhaupt richtig angefangen haben.

Direkt, hingerotzt und kantig erzählt Regisseurin Alexandra Roscha Säidow die Geschichte, die der junge ostdeutsche Autor Dirk Laucke geschrieben hat. Irgendwo im deutschen Osten spielt das alles, da, wo Utopien rar sind.

Sven (Stefan A. Piskorz) und Stamm (Daniel Sempf) schlagen sich mehr schlecht als recht durchs Leben, aber das soll anders werden. Ein cooler Plattenladen in der Gartenlaube von Svens Mutter Tine (Christine Reinhardt) soll die Veränderung bringen, aber, „das Wunschbild benötigt die Unterstützung der Realität“, wie es an anderer Stelle heißt.

Die Realität aber ist nicht dazu angetan, den Träumen Flügel wachsen zu lassen. Tine ist von Thilo (Thomas Streibig) verlassen worden und bis obenhin voll mit Kummer und Alkohol. Thilo hat alles in den Sand gesetzt und weiß nicht mehr, wo das Glück zu finden sein könnte. Svens Freundin Corinna (Franziska Knetsch) hat den Job bei der Lokalzeitung geschmissen.

Stamm schlägt sich mit Gaunereien durch und hält sich an seiner Solidarität mit Sven hoch – und an der Abgrenzung gegen die „Faschos“. Von denen hat Sven einen mit einem eher ziellos geworfenen Stein getötet. Dass das zum endgültigen Ende aller Träume führt, ist vorhersehbar, aber bei weitem nicht der einzige Grund für das Verschwinden der Wunschbilder.

„Wir sind immer oben“, sagt Stamm trotzig, und auch wenn sich das nicht bewahrheitet: Am Ende behalten die Protagonisten wenigstens das Quäntchen Verbundenheit miteinander. Das Ganze spielt in einem Halbkreis zwischen Wänden aus glänzender Folie, die die Akteure beengt und einschließt. Sie lässt sich bekritzeln oder zerreißen, aber aus ihrem Rund entkommen kann keiner.

Es wird wenig gehandelt, aber viel geredet und rekapituliert, in wütenden Monologen oder unterkühlten Liedern – Songs wie „Verschwende deine Jugend“ von „DAF“ und „Komm wir lassen uns erschießen“ von „Ideal“ aus den frühen achtziger Jahren passen perfekt zur ostdeutschen Tristesse.

Harter Elektrobeat, eine ausgeklügelte Lichtregie, der Souffleur als stiller Beobachter auf der Bühne und Darsteller, die sich über weite Strecken direkt an das Publikum richten, tragen zur Verfremdung bei, ohne dass Distanz aufkommt.

Dafür haben die Figuren allesamt zu viel Leben in sich, wirken authentisch in ihrer Wut, ihrem Frust, ihrer Resignation. Und über allem liegt der Geruch nach reichlich verspritztem billigem Bier. „Wir sind immer oben“ ist voll Energie und bösem Witz, eine Inszenierung, die völlig zu Recht für junge Zuschauer ab 16 Jahren angeboten wird.

Was Nachwuchsautor Dirk Laucke uns über diese Kämpfernaturen wider besseres Wissen zu erzählen hat, sollte aber auch Zuschauer jeder anderen Altersstufe interessieren.
Die nächsten Aufführungen von „Wir sind immer oben“ sind am 3., 9. und 19. November.

von Heike Döhn