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Marburg Kaum bekannte Liedjuwelen
Marburg Kaum bekannte Liedjuwelen
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19:15 07.08.2011
Das Quartett „I Lagonai“, bestehend aus Marion Clausen (von links), Kira Petry, Michael Brauer und Erwin Grüner, sangen am Samstagabend vor 120 Zuschauern beim Schlosskonzert. Quelle: Michael Arndt

Marburg. Er war die Nummer eins unter den Opernkomponisten seiner Zeit. Umso überraschender kam für die Musikwelt die Nachricht, dass Gioachino Rossini sich nach seiner 39. und in jeder Hinsicht größten Oper, dem 1829 in Paris uraufgeführten „Guillaume Tell“, vom Theater zurückzog. Aber seine Schaffenskraft war nicht versiegt: In den folgenden vier Jahrzehnten schuf er geistliche Musik, darunter das grandiose „Stabat Mater“, das in Marburg schon seit Ewigkeiten nicht zu hören war. Und eine kaum überschaubare Fülle von Klavierstücken und vokalen Kammermusiken, die erst seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts nach und nach veröffentlicht worden sind.

Denn Rossini hatte sie nahezu alle zu seinem Vergnügen komponiert – und dem seiner prominenten Gäste, die er zu den Samstagssoireen in sein Pariser Haus eingeladen hatte, zu unterhalten.

Bei den Marburger Schlosskonzerten wurde jetzt eine solche Samstagssoiree nachempfunden. Die Mehrheit der 120 Zuhörer im Fürstensaal dürfte die meisten der dort aufgeführten Werke, die Rossini selbstironisch „Alterssünden“ genannt hat, zum ersten Mal gehört haben. Und mit Staunen erfahren haben, dass der Großmeister der Opera buffa auch ein großer Tragiker war. „L‘ultimo ricordo“ (Das letzte Andenken) etwa braucht sich nicht hinter den Meisterwerken eines Franz Schubert oder Robert Schumann zu verstecken.

Erwin Grüner, der Bariton des Ensembles „I Lagonai“ (Die an der Lahn Wohnenden) sang diesen ergreifenden Abschied eines Sterbenden von seiner geliebten Frau mit kultivierter Noblesse, allerdings fehlte ihm für die ekstatischen Ausbrüche die Durchschlagskraft eines Opernsängers. Gemeinsam mit dem Tenor Michael Brauer fesselte Grüner in dem Duett „I marinai“ (Die Seeleute), das ob seiner grüblerischen Stimmung und seines lyrisch-deklamatorischen Stils den jungen Richard Wagner zu einer Orchesterbearbeitung angeregt hat.

Mit seiner hellen, beweglichen und höhensicheren Stimme meisterte Brauer nahezu mühelos das populärste Stück des Programms, die neapolitanische Tarantella „La danza“, die jeder italienische Tenor von Format seit Enrico Caruso im Repertoire hat. Sein Herzblut verströmt hat Rossini jedoch vor allem, wenn es darum ging, für Frauenstimmen zu komponieren. Das gilt für seine Opern wie für seine vokalen Kammermusiken.

Der Sopran von Marion Clausen und der Mezzosopran von Kira Petry harmonierten nicht nur aufs Schönste in den Duetten der „Regata veneziana“ (Venezianische Regatta) und dem stimmungsvollen Abendlied „La pesca“ (Der Fischfang).

Beide durchmaßen auch bravourös ihre hochvirtuosen Soli, Clausen den bacchantischen Walzer „L‘orgia“ (Das Fest) und Petry das spanisch angehauchte „Mi lagnerò tacendo“ (Ich werde mich schweigend beklagen).

In allen Stücken, auch in den opernhaft-humorvollen Quartetten, begleitete Johannes Becker einfühlsam und animierend zugleich, ließ den an Überraschungen reichen Klaviersatz funkeln, der allerdings auch seine Tücken hat, wie gelegentlich zu hören war. Und er führte kenntnisreich und humorvoll durchs Programm.

Die Marburger Schlosskonzerte werden fortgesetzt. Beispielsweise am Samstag, 20. August. Ab 20 Uhr musiziert das Bläserquintett Arirang im Fürstensaal Musik aus Deutschland, Frankreich und Argentinien. Karten sind bei der Tourist Information erhältlich.

von Michael Arndt

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