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Marburg „Katastrophale Lage“ für Videotheken
Marburg „Katastrophale Lage“ für Videotheken
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00:17 13.11.2018
Süheyl Turgut, Inhaber der Videothek „Deutscher Videoring“ in der Marburger Elisabethstraße, nimmt die Ausleihe eines Kunden ­entgegen. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Die Kundenzahl der Videotheken sank von 2015 bis 2017 von 4,8 Millionen auf 2,6 Millionen. Der Umsatz sank im selben Zeitraum von 184 Millionen Euro auf 84 Millionen Euro. Gab es 2008 noch bundesweit rund 3000 Videotheken, so waren es 2017 nur noch etwa 600. Allein zwischen 2016 und 2017 mussten 300 Videotheken dicht machen.

Auch die verbliebenen zwei Videotheken in Marburg haben zu kämpfen. Heinrich Gebauer, Geschäftsführer der Videothekenkette „Movie Vision“, die auch eine Filiale in Marburg betreibt, sagt es geradeheraus: „Die Lage ist katastrophal“. Ihre Filialen würden nur noch durch das integrierte  Zusatzgeschäft überleben – und das sieht Gebauer im Verkauf von E-Zigaretten und Zubehör. „Elektro-Zigge“ heißen die „Shops im Shop“ und sind eine Kette von Fachgeschäften rund ums Dampfen.

Alles andere als positiv beschreibt die Situation auch Süheyl Turgut. Er ist Inhaber der  Videothek „Deutscher Videoring“ in der Marburger Elisabethstraße. „Das Geschäft wie auch die gesamte Branche nähern sich dem Ende“, meint er. Wie man dagegen vorgehen könne weiß er aber auch nicht. Die Preise jedenfalls könne man nicht noch weiter senken. Von einem integrierten Zusatzgeschäft, wie es Movie Vision betreibt, hält er allerdings nicht viel: „Kunden von Movie Vision sind zu uns gekommen, weil sie dort der Dampf der E-Zigaretten gestört hat“, sagt Turgut.

Der Branchenverband IVD sieht vor allem die Internetpiraterie als Wurzel des geschäftlichen Übels: „Ohne eine stärkere Bekämpfung der Piraterie wird es nicht wieder aufwärts gehen“ – es werde zu wenig getan gegen illegale Downloads und Abrufe im Internet, moniert Jörg Weinrich, Geschäftsführer des IVD. Andere Experten halten hingegen die legalen Streaming-Anbieter wie Netflix und Co. für den Hauptgrund des Niedergangs.

Staatliche Fördermodelle für Videotheken

Wer nun auch die Hauptschuld trägt, mit der Konkurrenz aus dem Netz können die Videotheken einfach nicht mithalten. Das sehen auch Gebauer und Turgut so, denn gegen das Streaming-Angebot seien die Videotheken einfach machtlos. „Obwohl das Angebot in der Videothek größer ist als bei den Streamingdiensten“, sagt Turgut.

Hermann-Dieter Schröder, Soziologe an der Hamburger Universität, meint zu der Konkurrenz aus dem Internet: „Früher ist der Vorteil der Videotheken gewesen, dass Konsumenten den Zeitpunkt für eine Filmsichtung selbst wählen konnten, unabhängig vom Fernsehprogramm. Durch das Internet ist das zur Selbstverständlichkeit geworden.“

Silvio Neubauer, ein Berliner Videothekenbesitzer, der sich durch ein künstlerisch anspruchsvolles Programm einen Namen gemacht hat, kann über die „inhaltlich schwachbrüstige“ Streaming-Konkurrenz nur die Nase rümpfen. Deren „Leitbild eines algorithmisch hochgezüchteten Kommerzangebotes“ sei schlecht für das kulturelle Angebot – „mit langfristig schwer abschätzbaren Schäden auch im Bereich der Bildung“.

Neubauer hält Videotheken für ein unabhängiges Kulturangebot enorm wichtig. Daher fordert er auch staatliche Fördermodelle. 27 000 Titel zählt die Mediensammlung seiner Filmgalerie, die will Neubauer auch künftig erhalten. Aber wie? Er nennt den Staat: Nach seiner Überzeugung sind Videotheken für ein unabhängiges Kulturangebot enorm wichtig – für ihren Erhalt könnten Fördermodelle „vielleicht der einzige Ausweg sein“.

Heinrich Gebauer von Movie Vision glaubt nicht daran, dass staatliche Förderungen die Videotheken noch retten könnten. Und zurzeit sei eher das Gegenteil der Fall, denn jeden Monat würden Gebühren für die Gema anfallen. Süheyl Turgut fände es zwar gut, wenn Videotheken staatlich gefördert würden, glaubt aber nicht daran, dass dies passieren wird.

„Man muss positiv in die Zukunft schauen“

Der Soziologe Schröder denkt, dass in zehn Jahren die Zahl der Videotheken in Deutschland gegen null tendieren wird. Gebauer sieht es noch düsterer: „Die Videotheken werden vielleicht noch ein bis zwei Jahre überstehen.“ Doch trotz der düsteren Aussichten möchte Turgut von der Videothek in der Elisabethstraße positiv bleiben: „ Ich war 25 Jahre lang im Videotheken-Geschäft mit Leidenschaft dabei. Die Entwicklung ist zwar schade, aber jammern bringt auch nichts. Man muss positiv in die Zukunft schauen.“

Wie schnell es gehen kann, hat im vergangenen Jahr bereits Eckhard Baum in Kassel erfahren: Er hatte die laut Guinness-Buch der Rekorde älteste Videothek Deutschlands betrieben – und musste vergangenes Jahr schließen. Doch die Videothek ist nicht komplett verschwunden: Der Verein „Randfilm“ hat den Film-Shop Baum übernommen. Die Videothek soll laut Betreibern ein Veranstaltungsort für schräge Filmkultur sowie für Konzerte, Lesungen und Kunstprojekte werden. Nicht zuletzt wollen die neuen Betreiber die großen Bestände an Film-Raritäten retten, die Gründer Eckhard Baum seit 1975 zusammengetragen hatte.

von Tim Goldau
und unserer Agentur