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"Kameradschaft Marburger Jäger" lehnt Gedenkstätte ab

Denkmal im Ludwig-Schüler-Park "Kameradschaft Marburger Jäger" lehnt Gedenkstätte ab

Die "Kameradschaft ­Marburger Jäger" kritisiert die vom Magistrat geplante Errichtung einer Gedenkstätte im Ludwig-Schüler-Park, sieht die "Gefahr der Spaltung ­innerhalb der Marburger Bürgerschaft". Bei der geplanten Gedenkinstallation, handele es sich um "Geldverschwendung".

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Für die einen Erinnerung an gefallene Soldaten, für die anderen Verbrechensverherrlichung und Ziel von Vandalismus: Das Denkmal im Ludwig-Schüler-Park, in dessen Nachbarschaft künftig ein anderes Mahnmal entstehen könnte.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. „Unsere Großväter waren keine Verbrecher. Sie bekamen einen Stellungsbefehl und mussten einrücken. Das war nunmal so. Niemand stirbt gerne“, heißt es in einem Schreiben der Kameradschaft, das der OP vorliegt. Bei der geplanten Gedenkinstallation, für die nun im Bauamt von Künstlern Entwürfe vorgestellt worden sind, handele es sich um „Geldverschwendung von mehr als 50 000 Euro“.

Das bestehende Denkmal im Schüler-Park, das an 4.006 im Ersten Weltkrieg an der Front gefallene „Marburger Jäger“ erinnere, werde seit Jahren „laufend besudelt“, etwa durch Schriftzüge wie „Deutschland verrecke“ oder „Nie wieder Deutschland“. Tatsächlich werden sowohl dieses als auch das Deserteurs-Denkmal im Südviertel regelmäßig Ziel von Vandalismus, etwa mit roter Farbe­ beschmiert.

„Die Geschichte ist nun einmal wie sie war. Wir wollen auch nichts beschönigen. Jeder Krieg an sich ist ein Verbrechen an der Menschheit.“ Die Geschichte lasse sich aber auch nicht verändern, indem „man etwas hinzudichtet. Auch wenn man etwas weglässt, weil es nicht in den Kram passt. Auch mit einer Pauschalisierung kann keiner etwas anfangen“, heißt es von den Marburger Jägern. „Warum muss man nach 100 Jahren der Zeit der angeblichen Geschehnisse überhaupt noch eine solche Stätte­ schaffen? Eher wäre es angebracht, den circa 1.000 Toten an der innerdeutschen Grenze ein Denkmal zu bauen. Diese Menschen wollten nur in Freiheit leben. Hierzu hat man auch heute noch eine Beziehung.“

"Ein grundsätzlich gestörtes Verhältnis" zu Soldaten

Von der Stadtverwaltung, vom Magistrat sei die Kameradschaft nie zum Thema einer neuen Gedenkinstallation angehört worden. Offenbar habe man in der Universitätsstadt „mittlerweile­ ein sehr grundsätzlich gestörtes Verhältnis“ zu Soldaten, zur Bundeswehr – und das, obwohl Marburg jahrzehntelang Garnisonsstadt war, heißt es vom Vereinsvorstand im OP-Gespräch.

So diente etwa die ab 1868 gebaute Jägerkaserne im Südviertel, die bis zum Ersten Weltkrieg und auch in den 1930er-Jahren aus- und umgebaut wurde, ­zuerst preußischen Truppen (Jägerbataillon) und danach der Reichswehr (Ausbildungsbataillon eines Infanterieregiments). 1938 wurde die Tannenbergkaserne im Stadtwald errichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Kasernen Standorte für US-Truppen und die französische Armee. Die Bundeswehr übernahm später die Kasernen, bis in die 1990er-Jahre­ waren dort verschiedene Truppenteile – etwa Jägerdivision, Feldjäger, Fernmelde- und Sanitätsbataillon – stationiert.

"Gefahr der Spaltung innerhalb der Marburger Bürgerschaft"

Für die Kameradschaft ­Marburger Jäger bedeutet die Durchsetzung des aktuellen ­Gedenkinstallations-Vorhabens der Stadt daher „eine Gefahr der Spaltung innerhalb der Marburger Bürgerschaft“. Die Stadtspitze solle daher den Aufbau der neuen Gedenkinstallation, für die vergangene Woche im Bauamt Entwürfe vorgestellt wurden, „überdenken“.

Wie schwer sich zumindest die Stadtpolitik mit dem Thema Bundeswehr und Soldaten tut, zeigte sich zuletzt Ende vergangenen Jahres bei der Diskussion um die letztlich gescheiterte Teilnahme Marburgs an der Aktion „Gelbe Schleifen“ – einem Symbol zur Würdigung von Bundeswehrsoldaten.

Zuletzt verlagerte sich die Marburger-Jäger-Diskussion, die ihren Höhepunkt in einer Studie der Geschichtswerkstatt 2014 zu den Taten der Soldaten fand, immer mehr von dem in 2011 aufgestellten umstrittenen Gedenkstein in Bortshausen in Richtung der Installation am Ortenberg.

von Björn Wisker

Hintergrund
Den Marburger Jägern, von 1866 bis 1919 ein Verband der Preußischen  Armee, wird die Beteiligung an der Niederschlagung des „Boxer-Aufstands“ in Ostchina, am Völkermord an den Herero und Nama in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwest-Afrika 1904 bis 1907 (Namibia), das Massaker an der Zivilbevölkerung im belgischen ­Dinant 1914 und an aufständischen Arbeitern im schlesischen ­Königshütte vorgeworfen. Das geht aus im Jahr 2014 veröffentlichten Nachforschungen der Geschichtswerkstatt hervor. Die 1974 gegründete „Kameradschaft Marburger Jäger“ pflegt die Tradition des Traditionsverbands.
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